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Das ist der neue Kulturstandort in Basel

Alles wird neu am SRF-Standort Basel. LINK hat sich von Stefan Charles, Leiter der Abteilung Kultur, und René Schell, Gesamtprojektleiter für den neuen Standort, durch das neue SRF-Studio beim Bahnhof SBB führen lassen.

Draussen an der Güterstrasse braust der Tram- und Autoverkehr vorbei. Nicht weit davon entfernt drängen sich die Bahnpassagiere auf dem engen Gleisübergang des Bahnhofs SBB aneinander vorbei. Eine rote Stele mit der Aufschrift «SRF» deutet darauf hin, dass auch hinter der von blechernen Faltläden dominierten Fassade des stattlichen, manche Basler sagen auch wuchtigen, Meret-Oppenheim-Hochhauses eine lebendige Atmosphäre herrschen muss. Es ist die neue Heimat der trimedialen Abteilung Kultur von SRF.

Wer nun durch die Schiebetüren aus Glas tritt, stösst aber auf Stille. Ein paar Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die von der Mittagspause zurück an ihren Arbeitsplatz eilen, unterbrechen die Ruhe kurz mit leisem Gekicher. Offenbar hat man sich noch nicht richtig an die elektronische Eingangsschleuse gewöhnt, die vom Empfangssaal zur Treppe zu den Redaktions- und Studioräumen darüber führt. Wie auf einem Flughafen. Auch die Bauarbeiter und Techniker, die den neuen Räumlichkeiten den letzten Schliff geben, sind ruhiger, als man dies sonst gewohnt ist.

2008 schrieb die bekannte Reportage-Autorin Margrit Sprecher in ihrem Buch «Das andere Radio» über das Basler Studio des Kulturradios auf dem Bruderholz, das damals noch DRS 2 hiess: «Im Hort der Klänge und der Sprache ist es stiller als in einem Sanatorium zur Mittags-Ruhezeit.» Im Zuge des Konvergenzprozesses sind zum «Hort der Klänge» nun noch das bewegte Bild und der Online-Bereich dazugekommen. Still ist es aber geblieben.


«Von unten nach oben und zurück» - eine Audioslideshow über die Geschichte des Basler SRF-Standorts. Sehdauer: 4'12"


Das mag beim Besuch von LINK daran gelegen haben, dass damals erst etwas mehr als die Hälfte der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den neuen Standort bezogen hatte: Viele Arbeitstische, die im weitläufigen Bereich im ersten Stock, gleich nach der Treppe, aufgereiht sind, sind noch unbesetzt. Sie sind auf einem edel wirkenden Holzboden fein säuberlich in Reih und Glied ausgerichtet – intern kursiert bereits die Bezeichnung «Kaninchenstall» – und jeweils mit zwei Bildschirmen ausgestattet sowie mit einer Docking-Station für den Laptop und schallschluckenden Trennwändchen.

Still ist es, aber es hat Stil. 20 Millionen Franken haben der Bau und die Einrichtung des neuen Studios gekostet. Das möge nach viel Geld klingen, sei aber günstiger gekommen, als wenn man versucht hätte, den alten Standort auf dem Bruderholz komplett neu zu bauen, was nötig gewesen wäre, sagt Charles.

Noch ein paar Zahlen: 186 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind Mitte Mai bereits vom Elfenbein-Campus auf dem abgelegenen Basler Nobelhügel Bruderholz in den Blechturm unten in der Stadt gezogen. Weitere 118 Radio- und Fernsehleute aus Zürich waren Mitte Mai noch auf dem Weg an ihren neuen Arbeitsort. Ein idealer Platz für das neue Studio, findet Abteilungsleiter Stefan Charles: «Es ist ein prominenter Ort, mitten in einem Upcoming Quartier.»


Im Interview: Katrin Grögel, Co-Leiterin Kultur Basel-Stadt, und Samuel Hess, Leiter Wirtschaft Basel-Stadt


Er ist nicht als Einziger dieser Meinung. Reporterinnen und Reporter des Regionaljournals freuen sich, dass sie nach Medienkonferenzen oder Reportagen nicht mehr aufs periphere Bruderholz eilen müssen. Und sie schätzen die Durchlässigkeit und Offenheit der Redaktionsräumlichkeiten. «Ich komme hier mit Kolleginnen und Kollegen in Kontakt, die ich vorher auf dem Bruderholz kaum vom Namen her kannte», sagt einer.

Die neue geografische Nähe zu den Menschen, zu den tatsächlichen und potenziellen Konsumentinnen und Konsumenten des SRF-Kulturprogramms, soll aktiv genutzt werden. So führen Charles und Schell denn auch als Erstes ins neue Auditorium gleich hinter dem Eingangsfoyer, ein rund 300 Quadratmeter grosser «wichtiger Raum» im neuen Studiokomplex, der sich auf insgesamt 8000 Quadratmeter und über vier Stockwerke erstreckt, wie Charles sagt.

Das Auditorium soll Forum sein für Veranstaltungen und Sendungen mit Publikum. Es sei auch als TV-Studio nutzbar, wie Projektleiter René Schell ergänzt. «An technischer Infrastruktur ist alles da und draussen vor den Türen gibt es einen Standplatz für Reportagewagen.» Obwohl: TV-SRF Kultur geht, ging bereits in der Vergangenheit gerne zu den Leuten. Für den «Philosophischen Stammtisch» ins schöne Sudhaus in Kleinbasel, für «Sternstunde der Nacht» ins Kaufleuten, für den «Literaturclub» in den Papiersaal Sihlcity – aber das ist in Zürich.

Als erste öffentliche Sendung aus dem Auditorium war für den 18. Juni eine Ausgabe des Ur-Formats «Musik für einen Gast» geplant; mit Pierre de Meuron als Gesprächspartner, dem Mitgründer der schillernden Architekturfabrik Herzog & de Meuron, die das Meret-Oppenheim- Hochhaus entworfen hatte.

Vom Auditorium sind es nur wenige Schritte zum benachbarten Hörspielstudio. «Es ist überhaupt nicht so, dass es kein solches Studio mehr gibt», dementiert Charles entsprechende Gerüchte. Und führt durch zwei Studioräume, die durch einen Regiebereich getrennt sind. Es ist allerdings nicht mehr die Vorzeige-Zauberwelt von einst, tief im Keller des alten Studios auf dem Bruderholz, wo noch analog Türen zugeschlagen und über Kieswege getreten wurde. Viel davon geschieht heute digital. In Räumen, die dafür akustisch und elektronisch hergerichtet sind. Aber die Sprecher, Schauspielerinnen aus Fleisch und Blut werden wie einst die Hauptrolle spielen.

Eine imposante Holztreppe führt hoch in die Redaktions- und eigentlichen Studio­räume, zuerst in die weitläufige Halle mit den vielen aufgereihten Arbeitstischen.

«Hier sind die Sendungsplaner und die Onliner an der Arbeit», sagt Schell. Niemand hat einen festen Arbeitsplatz, sondern loggt und dockt sich jeweils an einem freien Platz ein. «Das gilt auch für René Schell und mich», sagt Charles. «Arbeitsplatz war gestern, heute sprechen wir von Setting.»

Was das bedeutet, ist an Schildern an den Plätzen zu sehen, die darauf hinweisen, wer gerade wo am Arbeiten ist. Onliner neben Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern (oder eben Planerinnen und Planern) der verschiedenen Redaktionen: Kultur, Gesellschaft und Wissenschaft von Radio und Fernsehen. Konvergenz oder Durchlässigkeit pur also, nicht nur was die Mediensparten, sondern auch die Inhalte betrifft. «Hier entsteht das Medienhaus von morgen», sagt Charles. Allerdings bleibt der Bereich Dokumentarfilm – der Begriff «Kultur» ist weit gefasst bei SRF – in Zürich.

Charles hat die Abteilungsleitung Anfang 2017 übernommen. Er konkretisiert nun, was seine Vorgängerin Nathalie ­Wappler – heute SRF-Direktorin – in Sachen Konvergenz vor über fünf Jahren bereits vorgespurt hatte. Die neuen Strukturen ­waren in Teilen der Belegschaft auch auf Skepsis gestossen. Kultur-Radiomacherinnen und -macher befürchteten, unter die Räder des mächtigen Fernsehens zu geraten, TV-Leute aus Zürich mussten sich daran gewöhnen, neu in Basel zu arbeiten.

Dazu kam eine gewisse Skepsis, dass mit Charles kein Journalist an die Kulturspitze berufen wurde, sondern ein Manager. Zumindest aber ein sehr kulturaffiner. Der 1967 geborene Fribourger hatte als Songwriter und Musikproduzent gearbeitet, war Geschäftsführer des Kulturbetriebs Rohstofflager in Zürich, Abteilungsleiter an der Zürcher Hochschule der Künste und Verwaltungsdirektor des Kunstmuseums Basel. Und an seiner Seite steht mit René Schell ein erfahrener Radio­journalist, der unter anderem viele Jahre als Asienkorrespondent tätig war.

Kein fixer Arbeitsplatz, Konvergenz, ein neuer Standort und neue Redaktionen: Das ist viel Neues. Nicht einmal ein gängiges ­Telefon – einst doch das symbolische ­Arbeitsgerät schlechthin für Medienschaffende – steht den Journalistinnen, Redaktoren oder Planern mehr zur Verfügung. Gearbeitet wird mit Skype for Business und Headsets. Auch das Hegen des eigenen Gummibaums auf dem Schreibtisch ist so nicht mehr möglich. Dafür gibt es vereinzelte Lounges mit Sofas und Grünpflanzen, die speziell auf Basis ihrer Leistung in der Sauerstoffproduktion ausgewählt wurden.

Und wer in Ruhe telefonieren möchte, kann sich in eines der vielen paarweise angeordneten Sitzungszimmer zurückziehen. Diese tragen so ungewöhnliche, ebenfalls paarweise zugeordnete Namen wie «Thelma» und «Louise», «Jean» und «Niki» oder «Kurt» und «Courtney» – in Anlehnung an berühmte Paare aus der Kulturgeschichte – eine Kreation von Studierenden des Instituts für Visuelle Kommunikation der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW).

So viel Reorganisation läuft natürlich nicht ohne Nebengeräusche ab. Als die Redaktionen «Aktualität» und «Kunst & Gesellschaft» zusammengelegt wurden, musste der Redaktionsleiter von «Kunst & Gesellschaft» gehen. Das sorgte für weniger positive Schlagzeilen.

Laut Schell war aber nicht das Spardiktat Ursache für diese Zusammenlegung. «Die strukturelle und örtliche Nähe soll auch inhaltlich neue Wege öffnen», sagt er. «Wir wollen bei der Aktualität stärker werden, aber den Hintergrundbereich ­keineswegs vernachlässigen», ergänzt Charles. «Wir widmen uns nach wie vor Themen, die zwingend nach vertieften Recherchen verlangen.»

Durchlässigkeit bedeutet aber nicht Gleichschaltung. Letztlich funktionieren Radio und Fernsehen doch noch ein bisschen anders. Aber auch hier will die Abteilung Kultur von SRF neue Wege gehen. Charles nennt als Beispiel die journalistische Begleitung des Zürcher Filmfestivals. «Hier haben wir in einem Pilotprojekt von Beginn weg trimedial gearbeitet», sagt er.

Nun aber noch ins eigentliche Herz des neuen Standorts, nämlich in die Aufnahme- und Sendestudios. Das Regionaljournal machte mit seiner ersten Live-Sendung am 7. Mai den Anfang. Eine Woche darauf folgte SRF 2 Kultur, eines der sechs Vollprogramme von SRF.

Die Radiostudios sind an diesem Tag noch menschenleer. Grosse Tische stehen darin mit Computerbildschirmen, Reglern, Mikrofonen und Kopfhörern. Alles in dezenten Grautönen gehalten. Nur die Schallschluckplatten an den Wänden bringen in blassem Blau und Grün etwas Farbe in den Raum.

Es herrscht die Ruhe vor dem Sturm. Nun nicht wirklich Sturm – Ruhe vor dem ruhigen Neubeginn ist der bessere Ausdruck. Am folgenden Morgen, sechs Uhr, geht SRF 2 Kultur erstmals am neuen Standort auf Live-Sendung. Bei den Studio­verantwortlichen ist so kurz vor der Premiere keinerlei Anzeichen von Nervosität spürbar. «Die Vorbereitungen waren sehr gut verlaufen», sagt Schell.

So ruhig und abgeklärt wirkt denn am nächsten Morgen auch Moderatorin ­Caroline Lüchinger. «Für Sie ist es ein ganz normaler Morgen, für uns nicht. Wir senden erstmals aus dem neuen Studio beim Bahnhof in Basel», wendet sie sich an die Hörerinnen und Hörer.» Und die Sendung geht weiter, als wäre alles noch beim Alten.


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Text: Dominique Spirgi

Bild: Imagopress / Patrick Lüthy

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