«Tagesschau»-Beitrag «e-Mountainbike-Boom in den Bergen» beanstandet
SRG Deutschschweiz Ombudsstelle

«Tagesschau»-Beitrag «e-Mountainbike-Boom in den Bergen» beanstandet

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Mit Ihrer E-Mail vom 20. August 2019 beanstandeten Sie die «Tagesschau» (Fernsehen SRF) vom 19. August 2019 und dort den Beitrag «e-Mountainbike-Boom in den Bergen».[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann daher darauf eintreten.

 

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

«Es geht um die gestrige Sendung der Tagesschau. Genauer: um den Beitrag über die E-Mountainbiker in den Bergen. Dieser Beitrag hat mich richtig aufgewühlt - ein solcher Beitrag in der heutigen Zeit in der die Umwelt in aller Munde ist. Ein solcher Beitrag, welcher an Einseitigeit nicht mehr zu überbieten ist. Der Tourismus und die geringe Zunahme an Touristen stehen im Vordergrund und die Mehrzahl an verkauften Fahrrädern. Kein Wort über die Umwelt-Zerstörung, kein Wort über die Beeinträchtigung der Artenvielfalt, kein Wort über den Energieverbrauch. Kein Wort über die Konfrontation mit den Bergwanderern, denen das Bergwandern unmöglich gemacht wird. Kein Wort über den Tierschutz.

Einfach schrecklich. Und das Schweizer Fernsehen stellt sich in den Dienst des Mammons Geld, und stellt das Geld und den möglichen Mehrumsatz im Tourismus über unsere Zukunft, die uns alle angeht.
Herr Blum, bitte stoppen Sie in Zukunft solche Sendungen. Folgen Sie nicht jedem Unsinn, was die Programmredaktoren in ihre Sendungen setzen, nur weil es dem Vergnügen einiger Wenigen entspricht Alle wollen unserer Welt Sorge tragen. Nun geht es also darum, dass auch etwas geschieht. Und dass alle, wirklich alle mitmachen. Und nicht nur davon reden und fordern, dass die Anderen etwas tunn sollen.»

 

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für die «Tagesschau» äußerte sich Herr Franz Lustenberger, ehemaliger stellvertretender Redaktionsleiter der Sendung:

„Mit Mail vom 20. August 2019 hat Herr X eine Beanstandung gegen die Tagesschau vom Vortag eingereicht. Es geht um den Bericht zur Zunahme von E-Mountainbikes in den Schweizer Bergen.
 

Grundsätzliches

Die Medienfreiheit hat in der Schweizer Demokratie einen sehr hohen Stellenwert. Die Bundesverfassung gewährleistet in Art. 93, Abs. 3 <die Unabhängigkeit von Radio und Fernsehen sowie die Autonomie in der Programmgestaltung>. Im Bundesgesetz für Radio und Fernsehen (RTVG) wird diese Programmautonomie noch verdeutlicht: Die Programmveranstalter <sind in der Gestaltung, namentlich in der Wahl der Themen, der inhaltlichen Bearbeitung und der Darstellung ihrer Programme frei und tragen dafür die Verantwortung> (Art. 6, Abs. 2 RTVG).


Fokussierung

Beiträge in der Tagesschau haben normalerweise eine Länge von ca 2’ bis 2’30”. Das bedeutet – und das gilt für alle Themen – die Tagesschau kann in einem einzigen Beitrag nie alle Aspekte eines Themas behandeln. Die Tagesschau muss sich deshalb immer auf einen Aspekt eines Themas fokussieren. In Kooperation mit dem Wirtschaftsmagazin Eco hat sich die Tagesschau im Beitrag am 19. August auf den wirtschaftlichen Aspekt des E-Mountainbike-Booms in den Bergen konzentriert.

Der Tourismus ist ein ganz wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Schweiz und ganz besonders in den Bergregionen. Gemäss dem Schweizerischen Tourismus-Verband STV erbringt der Tourismus eine jährliche Brutto-Wertschöpfung von rund 19 Milliarden Franken. Rund 170 000 Personen haben ihren Arbeitsplatz im Tourismus. Der Tourismus generiert in der Schweiz einen Umsatz von jährlich 45 Milliarden Franken.[2]

Allein diese Zahlen sind Grund genug, sich mit den wirtschaftlichen Aspekten des Tourismus in der Schweiz auseinanderzusetzen. Oft ist hierzulande von der Krise des Tourismus die Rede; Stichworte dazu sind etwa Schnee-unsichere Winter in tieferen Lagen, der starke Franken, hohe Preise in der Schweiz, die Konkurrenz der Nachbarländer, der Investitionsbedarf in der Hotellerie, usw. Der Tourismus muss sich in der harten Konkurrenzsituation um Innovationen bemühen und um neue Kundschaften werben.

In diesem Zusammenhang hat die markante Zunahme von E-Mountainbikes in der jüngsten Vergangenheit eine relevante Bedeutung für den Schweizer Tourismus. Das Thema ist auch in den Sommermonaten aktuell.


Beitrag von Eco

Der Beanstander bemängelt, dass kritische Punkte (Umwelt, Konfrontation mit Wanderern, etc) im Tagesschau-Beitrag nicht aufscheinen. Schweizer Radio und Fernsehen blendet diese Punkte nicht aus, im Gegenteil. Im ausführlichen Eco-Beitrag vom gleichen Tag wird explizit darauf eingegangen (ab 05:00) [3] Darin kommen Wanderer und Mountainbiker zu Wort:

<Was mir am meisten zu denken gibt, ist einfach die Respektlosigkeit gegenüber der Natur, und ich frage mich: Wo haben die Tiere noch Platz> (Franziska Steiger)

<Das Problem sind diese sportiven Gruppen, die einfach durchbolzen.> (Ernst Weber)

Im Weiteren kommen im Eco-Beitrag auch ein Behördenvertreter und ein Tourismus-Berater zu Wort, welche über Präventionskampagnen, die Polizeipräsenz und die Planung von getrennten Wander- und Biker-Wegen Auskunft geben.


Weitere Beiträge zum Thema

In der Tagesschau vom 4. August, also gut zwei Wochen vor der beanstandeten Sendung, hat die Tagesschau selber den Konflikt zwischen Wanderern und Bikern, zwischen Tourismus und Natur thematisiert und in den Fokus gerückt.[4]

Der Vertreter von Appenzell-Tourismus sieht die Lösung in seiner Region darin, dass Appenzell bewusst auf Wanderer setzt. Biker würden einen Ausbau (Verbreiterung) des Wegnetzes zur Folge haben, was er ablehnt. Der Sprecher des Verkehrsclubs der Schweiz VCS betont die Eingriffe in die Natur; neue Bikertrails führten mitten durch Lebensräume von Wildtieren, sie beeinträchtigten die Pflanzenwelt.

In der Sendung Schweiz-aktuell vom 12. Juli wird das Thema ebenfalls vertieft behandelt, unter anderem mit Darco Canzin, der Bikewege plant und dabei auch die Frage des Naturschutzes nicht ausblendet. Wildes Biken im Alpengebiet würde die Erosion fördern; er spricht sogar von einem baldigen ‚Bachbett‘. [5]


Fazit

Die Tagesschau weiss um die Problematik des Bikens im sensiblen Alpenraum. Deshalb hat sie am 4. August diesen Aspekt in den Vordergrund gerückt. In der beanstandeten Sendung vom 19. August ging es um wirtschaftliche Aspekte.

Durch die beiden Beiträge als Ganzes kommt die Tagesschau dem Grundsatz der Ausgewogenheit nach. Die Tagesschau geht zudem von einem mündigen Bürger/einer mündigen Bürgerin aus, die sich über Fakten und gesellschaftliche Entwicklungen selber eine eigene Meinung bilden können.

Ich bitte Sie die Beanstandung in diesem Sinne zu beantworten.“

 

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Mir tut es auch weh, wenn ich sehe, wie e-Biker über schmale Wanderwege rattern. Wir müssen aber unterscheiden zwischen dem Thema und der Berichterstattung darüber. Zum «Thema» gehört, dass die e-Biker dem Tourismus nützen, aber die Wanderer stören und teilweise auch die Natur gefährden. Es wird, wie beim Skisport, darum gehen, Lösungen zu finden, die die Interessen der Wanderer, der Mountain-Biker, der e-Biker, der e-Mountain-Biker, des Naturschutzes und des Tourismus berücksichtigen und eine Win-Win-Situation schaffen. Diesem Ziel können gesonderte Reviere, gesonderte Wege, strikte Verkehrsregelungen oder rücksichtsvolles Benehmen aller Beteiligten dienen. Das Problem ist jedenfalls komplex.

Fernsehen SRF hat diese Komplexität in einer ganzen Reihe von Sendungen gut aufgefangen und alle Aspekte angesprochen. Das Vielfaltsgebot gilt nur direkt vor Wahlen und Abstimmungen für jede einzelne Sendung, sonst für das Programm insgesamt. Es ist den Redaktionen also erlaubt, in einem Beitrag nur einen Aspekt zu behandeln, sofern gewährleistet ist, dass die anderen Aspekte in anderen Sendungen zum Zuge kommen. Das gehört zur Programmautonomie. Da die von Ihnen vermissten Themen in anderen Sendungen («ECO»; «Schweiz aktuell», frühere «Tagesschau») behandelt wurden, ist keine Regel verletzt. Ich kann daher Ihre Beanstandung nicht unterstützen.

 

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.

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