Die Illustration zeigt einen Demonstranten, dem ein Polizist mit kugelsicherer Weste und Helm mit heruntergelassenem Visier eine Russland-Flagge entreisst
SRG Deutschschweiz Ombudsstelle

«Tagesschau» über Demonstration in Moskau beanstandet

Die «Tagesschau» berichtete am 3. August 2019 über verhinderte Demonstrationen in Moskau und über den Umgang der Regierung mit den Protestierenden. Ein Beanstander findet den Bericht einseitig antirussisch geprägt. Ombudsmann Roger Blum hält den überwiegenden Teil seiner Kritik für unbegründet.

Im Beitrag «Hunderte Festnahmen» der «Tagesschau» vom 3. August 2019 versuchte SRF zu zeigen, wie die russischen Sicherheitskräfte Personen im Stadtzentrum Moskaus festnahmen, weil sie glaubten, dass sich diese zu einer Demonstration zusammenfinden würden. Anlass des Protests ist die Forderung nach faireren Lokalwahlen in Russland. SRF filmte vor Ort und setzte unter anderem auf Schilderungen von SRF-Korrespondentin Luzia Tschirky.

Viele Vorwürfe

Bereits hier setzt der erste Vorwurf des Beanstanders ein. Das SRF-Personal ist seiner Meinung nach Teil der Demonstration gewesen. In seiner Stellungnahme weist Franz Lustenberger diese Kritik dezidiert von sich. «Berichterstattung setzt Präsenz vor Ort voraus, nur so kann sich ein Reporter/eine Reporterin ein Bild der Ereignisse machen», schreibt der ehemalige stellvertretende Redaktionsleiter der «Tagesschau».

Der Beanstander erhebt eine Reihe weiterer Vorwürfe. So zweifelt er die Kompetenz von Mischa Gabowitsch an, der im Beitrag eine Einschätzung der Lage abgibt. Es werde zudem vorgegaukelt, Korrespondentin Luzia Tschirky sei verhaftet worden, obwohl nur eine Personenkontrolle durchgeführt worden sei. Diese und weitere Vorwürfe werden jedoch von Franz Lustenberger entkräftet. Auch Ombudsmann Roger Blum stützt die Perspektive der Redaktion: Der Soziologe und Zeithistoriker Mischa Gabowitsch hat ausgewiesenes Fachwissen über die politischen Verhältnisse in Russland. Es ist zudem unerheblich, ob Luzia Tschirky verhaftet oder im Polizeiwagen nur kurz kontrolliert worden ist. Beides geht nicht: Die Pressefreiheit ist ein zentrales Grundrecht, und zu diesem Grundrecht gehört das Recht, auch über Demonstrationen frei und unbehelligt berichten zu können.

Fehlende Info

Einzig in einem der vielen Kritikpunkte gibt Roger Blum dem Beanstander Recht. Die Aussage, dass die Polizei «keinerlei Demonstrationen für faire Lokalwahlen» wolle, ist nicht richtig. Es gab eine Bewilligung für eine Demonstration an diesem Tag, allerdings weit ausserhalb des Stadtzentrums. Die Behörden wollen, dass Demonstrationen möglichst wenig Medienaufmerksamkeit erregen, und dieses Ziel ist erreicht, wenn sie aus dem Zentrum verbannt werden können. Die Opposition will natürlich umgekehrt durch Sichtbarkeit im Zentrum Medienaufmerksamkeit erregen. Im Beitrag hätte darauf hingewiesen werden müssen, dass die Kundgebung im Zentrum nicht bewilligt war. Roger Blum hat dies bereits einmal moniert (Fall Nr. 5114, Schlussbericht vom 28. Juli 2017 ).

Roger Blum kommt zum Schluss, dass der Beitrag der «Tagesschau» insgesamt sachgerecht war. Er unterstützt die Beanstandung aus erwähntem Grund teilweise.


Schlussbericht Ombudsstelle 6078

Zur «Tagesschau» vom 3. August 2019


Text: SRG.D/lh

Bild: SRG.D/Cleverclip

Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

«Tagesschau»-Beitrag über ein Memorandum von Amnesty International beanstandet

4403 | Mit Ihrer e-Mail vom 30. Oktober 2016 beanstandeten Sie, dass die „Tagesschau“ von Fernsehen SRF am 26. Oktober 2016 über ein Memorandum von Amnesty International, die zivilen Opfer durch Angriffe der von den USA geführten Koalition in Syrien betreffend, nicht berichtet habe. Ihre Eingabe erfüllt die formalen Anforderungen, die an eine Beanstandung gestellt werden. Ich kann somit auf sie eintreten.

Weiterlesen

«Übernahme von EU-Recht»-Beitrag der «Tagesschau» beanstandet

5496 | Mit Ihrem Brief vom 14. Juni 2018 beanstandeten Sie die «Tagesschau» (Fernsehen SRF) vom 30. Mai 2018 und dort den Beitrag «Übernahme von EU-Recht». Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.

Weiterlesen

«Tagesschau» über Nationalität von Straftätern beanstandet

4364 | Mit Ihrer E-Mail vom 21. September 2016 beanstandeten Sie den Bericht über die Statistik der Ausländerkriminalität in der «Tagesschau» von Fernsehen SRF vom 20. September 2016. Ihre Eingabe erfüllt die formalen Anforderungen, die an eine Beanstandung gestellt werden. Somit kann ich auf sie eintreten. Sie verlangten allerdings, dass Sie in sieben Tagen Bescheid erhalten. Dies ist bei einer seriösen Prüfung einer Beanstandung nicht möglich. Die zuständige Redaktion muss die Möglichkeit haben, dazu Stellung zu nehmen. Ich als Ombudsmann muss dann sowohl die Sendung als auch Ihre Beanstandung wie auch die Antwort der Redaktion gründlich evaluieren. Das Radio- und Fernsehgesetz sieht in Artikel 93 Absatz 3 für diesen Prozess eine Frist von 40 Tagen vor. Diese läuft mit dem heutigen Tag ab.

Weiterlesen

Alle Schlussberichte der Ombudsstelle jetzt ansehen

Teilen Sie uns Ihre Meinung mit (bitte beachten Sie die Netiquette/AGBs)

Lade Kommentare...
Noch keine Kommentare vorhanden

Leider konnte dein Kommentar nicht verarbeitet werden. Bitte versuche es später nochmals.

Ihr Kommentar wurde erfolgreich gespeichert und wird nach der Freigabe durch SRG Deutschschweiz hier veröffentlicht