Joana Büchler und Niggi Ullrich
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Von Skiliften und alten weissen Männern

Die SRG will vielfältiger werden. Aber was bedeutet das genau? Wie sollen die Ziele erreicht werden? Ein Augenschein auf das neue Diversitätsprojekt.

Zu Beginn, liebe Leserinnen und Leser, ein kleines Experiment. Strecken Sie Ihre Hand aus, alle fünf Finger auseinander, und nehmen sie jeweils einen Finger runter, wenn einer der folgenden Punkte auf Sie zutrifft: Sind Sie älter als 40 Jahre? Identifizieren Sie sich als Mann? Stehen bei Ihnen zuhause mehr als 50 Bücher (und die haben Sie schneller zusammen, als Sie vielleicht denken)? Sind Sie selber in die Schweiz immigriert oder sind Sie Secondo oder Seconda? Sind alle ihre vier Grosseltern in der Schweiz geboren? Nun schauen Sie auf Ihre Hand: Wie viele Finger sind noch ausgestreckt? Dieses Experiment mag auf den ersten Blick etwas seltsam anmuten. Es kann aber viel über Ihre soziale und gesellschaftliche Stellung aussagen. Die 50 Bücher zum Beispiel wurden in der Bildungssoziologie lange als Standard genommen, um den Bildungshintergrund einer Person auszumachen – je mehr Bücher in der heimischen Bibliothek stehen, umso höher die Bildung, so die Annahme. Diese Fragen stellte Inés Mateos, ausgewiesene Expertin für Bildung und Diversität, in den vergangenen Monaten einem Ausschuss von rund 50 Personen aus den verschiedenen Regionalgesellschaften der SRG. Die meisten von ihnen waren übrigens über 40 Jahre alt, mehr als die Hälfte davon waren Frauen, ziemlich viele hatten mehr als 50 Bücher zuhause und von 21 Teilnehmenden waren entweder die Eltern in die Schweiz immigriert oder sie haben es selber getan. Inés Mateos führte den Ausschuss in drei Webinaren in die Themenwelt der Diversität ein – und die SRG scheint diesbezüglich einiges aufholen zu müssen.

Denn eine Studie der EBU (European Broadcasting Union) über die öffentlichen Sender im europäischen Raum zeigte klar auf, dass bei SRF in Bezug auf Diversität und Migration ein Defizit herrscht. SRF arbeitet nun daran, diese Einbusse auszugleichen und aufzuarbeiten. Parallel dazu startete die SRG Deutschschweiz im April ein umfangreiches Projekt mit verschiedenen Pfeilern – einer davon sind drei Webinare unter der Leitung von Inés Mateos. Die SRG und mit ihr auch SRF sollen also diverser werden. Wo SRF – unter anderem mit dem neugegründeten Soundingboard Rassismus & Migration – vor allem das Themenfeld Migration anpeilt, geht der Verein gesamtheitlicher vor und bezieht sich auf eine vielschichtige Interpretation der Diversität. Hier spielen auch Herkunft, Gender, Alter und Beeinträchtigungen eine Rolle. Die Projektkoordination liegt bei Niggi Ullrich, er ist Präsident der SRG Region Basel, Vizepräsident der SRG Deutschschweiz und Leiter der Arbeitsgruppe Zivilgesellschaftliche Rolle, welche medien- und gesellschaftspolitische Themen für die Trägerschaft bearbeitet.

«Die SRG-Trägerschaft selbst bildet eine der Hürden auf dem Weg zu einem diverseren Unternehmen.»

Niggi Ullrich, Leiter der Arbeitsgruppe Zivilgesellschaftliche Rolle SRG.D

Für ihn hat der Auftrag, mehr Diversität in die SRG zu bringen, noch eine andere Dimension: «Der Auftrag der SRG liegt darin, die Realität und die Gesellschaft in Bild, Ton und auf allen verfügbaren Kanälen und so gesamthaft wie möglich abzubilden.» Das bedeutet auch: Die Gesellschaft in ihrer ganzen Diversität im Sinne eines Bildungs- und Kulturauftrags zu Wort kommen zu lassen und den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich eine eigene Meinung zu bilden. Das führt zu einer der ersten Fragen, die sich die SRG-Mitglieder stellen müssen: Welchen Auftrag haben wir? Wie sind wir zusammengesetzt? Und wen sprechen wir an? Inés Mateos thematisierte dies in den vergangenen Monaten in ihren Webinaren und zeigte zudem blinde Flecken in der SRF-Berichterstattung auf. In verschiedenen Übungen liess sie die Teilnehmenden einzelne Beispiele von Beiträgen über Menschen ohne Schweizer Wurzeln beurteilen. Dabei wurde etwa besprochen, ob es eine Rolle spielt, dass in einem Fall Bankräuber ursprünglich aus dem Kosovo stammten – und warum man bei einem Bericht über Sepp Blatter zum Beispiel nie seine Schweizer Wurzeln erwähnen würde.

Die SRG-Trägerschaft selbst bildet indes eine der Hürden auf dem Weg zu einem diverseren Unternehmen, beschreibt Niggi Ullrich. Diese Institution besteht in der Deutschschweiz in ihrer heutigen Form bereits seit den 1930er-Jahren, aufgebaut auf klassischen Pionierstrukturen: «Früher noch – als der Service-public-Auftrag telquel noch nicht so wichtig war – war die Trägerschaft durch ihre Nähe zum Programm mehr dem Unternehmen verpflichtet », erklärt er. Seit 15 Jahren aber gibt es eine klare, politisch gewollte Differenz zwischen der zivilgesellschaftlichen Rollenfunktion der Trägerschaft und dem Programmauftrag des Unternehmens SRF. «Eigentlich sollte klar sein», sagt Ullrich, «dass SRF Programm macht und wir den Auftrag haben, die Bevölkerung immer wieder davon zu überzeugen, warum es wichtig ist, dass es SRF und die SRG auch weiterhin gibt und braucht.» Diese neue Funktion der Trägerschaft war für viele Mitglieder nicht einfach verständlich und plausibel, lässt Ullrich durchblicken. Das Abstauben von Goodies oder die Teilnahme an Sendungen hat grössere Priorität als das Weiterentwickeln des Auftritts der SRG in der Gesellschaft. «Das muss sich ändern», ist für Ullrich klar. Und dafür brauche es mehr aktive Mitglieder, die Lust auf Veränderung und Entwicklung haben. Aktuell zählt die SRG Deutschschweiz gut 16 000 Mitglieder, und die Trägerschaft selber könnte auch diverser sein, erklärt Ullrich: «Ich möchte jetzt ungern den Ausdruck vom ‹alten weissen Mann› in den Mund nehmen – aber erstens bin ich ja selber einer und zweitens ist diese demografische Beschreibung für einen Grossteil der Trägerschaft schon nicht ganz falsch.»

Bloss: Wie motiviert man Leute, sich für Diversität zu interessieren und sich aktiv für eine Verbesserung diesbezüglich einzusetzen? Vor allem Menschen aus einer Generation, die vielleicht mit der Digitalisierung schon Mühe hatte – und die sich jetzt auch noch mit dem Gendersternchen anfreunden soll? In den letzten 30 Jahren hat sich die SRG verändert, heute sind viele Abläufe um einiges professioneller, die Technologie und mit ihr der Qualitätsanspruch sind in Windeseile fortgeschritten – die Trägerschaft ist aber als Milizorganisation aufgestellt. «Der Druck ist enorm hoch, das ist eine anspruchsvolle Herausforderung, nicht zuletzt, weil die Verhältnisse in den einzelnen Regionen der Deutschschweiz kulturell und medial sehr unterschiedlich sind», sagt Ullrich dazu. «Das ist ein bisschen wie mit den verschiedenen Skiliften in der Schweiz – die heissen zwar überall gleich, aber alle funktionieren vielleicht ein bisschen anders. Trotzdem kommt man mit allen irgendwann den Berg hinauf.»

«Da stellte ich fest: Meine engsten Bezugspersonen sind ja eigentlich alle so wie ich!»

Joana Büchler, Vertreterin SRG Zentralschweiz

Auch Joana Büchler versucht sich als «Skilift-Monteurin». Sie ist Vertreterin der SRG Zentralschweiz, wo sie zum leitenden Ausschuss gehört und das Ressort Entwicklung leitet. Mit dem Thema Diversität setzt sie sich schon länger auseinander, sagt sie. Dass man im ganz eigenen, privaten Rahmen aber diesbezüglich dennoch Defizite haben kann, lernte sie in den Webinaren von Inés Mateos, erzählt sie. Mateos hatte die Teilnehmenden dazu aufgefordert, ihre engsten Bezugspersonen ausserhalb der Kernfamilie aufzuzählen: «Da stellte ich fest: Die sind ja eigentlich alle so wie ich!» Da habe sie gemerkt, Diversität sei zwar eine Bereicherung, sogar ein Muss – aber noch lange keine Selbstverständlichkeit.

Die grosse Herausforderung liegt für Büchler in der Sensibilisierung der einzelnen Sektionen und Mitglieder. Und man müsse sich überlegen, wie man die offenen Posten für die einzelnen Gremien ausschreibe: «Man könnte ja etwa Personen mit einem bestimmten Hintergrund gezielt suchen und die Position dann entsprechend ausschreiben, damit wir diesbezüglich wirklich eine gute Mischung zustande bringen, erzählt sie. Eine andere Möglichkeit sieht sie bei der Akquirierung neuer Mitglieder: «Hier könnte man wirklich besser darauf achten und reflektieren, wie wir unseren Verein diverser gestalten können.» Auch auf lokaler Ebene hat Büchler einen Plan. Sie will vermehrt mit Organisationen zusammenarbeiten, etwa für Menschen mit Migrationshintergrund oder Jugendliche; nachfühlen, welche Bedürfnisse in Bezug auf einen medialen Service public überhaupt vorhanden sind: «Mit ihnen könnte man zum Beispiel eine Programmbeobachtung machen und zusammen anschauen: Wie berichtet das Regionaljournal über Personen mit Migrationshintergrund oder über Jugendprojekte?» Spricht man über Diversität, geht es sehr oft vor allem um die Genderfrage: Wie viele Frauen sind in welchen Gremien vertreten, wie schreibt und berichtet man möglichst genderneutral?

Diversität geht aber weit über diese Frage hinaus, das ist auch für Niggi Ullrich klar: «Wir müssen im Rahmen dieses Projekts bei der SRG-Trägerschaft zum Beispiel das Thema Migration als weit gefassten Begriff verstehen. Es ist nicht damit getan, eine Moderatorin oder einen Moderator mit Migrationshintergrund anzustellen, es muss im ganzen Unternehmen durchgehend einen programmlichen und betrieblichen Schub in Richtung Diversität geben». Klar ist: Damit sich SRF und die SRG nachhaltig progressiv entwickeln können, dafür müssen alle auf allen Ebenen am gleichen Strang ziehen. Das gilt gleichsam für die Trägerschaft mit ihren Mitgliedern, Gremien und Aktivitäten. «Wir können uns dieser Entwicklung nicht verweigern, dann wären wir in Kürze irrelevant», sagt Ullrich. «Und damit wir diese Entwicklung gut machen können, braucht es Leute aus dem Inneren der Trägerschaft, die die andern abholen und mitnehmen – weil wir nicht zentralistisch organisiert sind.» Wie bei einem guten Skilift eben.


Text: Miriam Suter

Bild: zVg

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