«Tagesschau»-Moderator Franz Fischlin im Studio
SRG Deutschschweiz News

Franz Fischlin über Fake News: «Es gab Bilder, die aus Filmen stammten»

Der Ukraine-Krieg wird auch an der Informationsfront geführt: Für Redaktionen ist er ein Kampf gegen Desinformation und Propaganda. Sequenzen von Videospielen werden als Realität verkauft, Augenzeugen posten Erlebtes ungefiltert. Wie er als Nachrichtenjournalist mit dieser Bilderflut und mangelnder Transparenz umgeht, erzählt Franz Fischlin im Gespräch.

Vor ein paar Tagen wurde bekannt, dass «Mr. Tagesschau» Franz Fischlin nach 18 Jahren aufhört. In all den Jahren hat er schon über manche Krisen und Kriege berichtet. Uns bleibt Fischlin sicher auch in Erinnerung, wie er die ersten Sendungen über den Ukraine-Krieg moderierte. Wir wollten von ihm wissen, wie er den Krieg als Nachrichtenjournalist und privat als Vater erlebt.

SRG Deutschschweiz: Herr Fischlin, wie war das für Sie, als Sie die ersten «Tagesschau»-Ausgaben über den Ukraine-Krieg moderiert haben?
Franz Fischlin: Das war ein spezieller Moment. Ich war schon Wochen vor Kriegsausbruch mit der TikTok-Community von SRF News im Austausch gewesen. Wir hatten für diesen Tag einen Livestream auf TikTok während der Sendung in Aussicht gestellt. Etwas sehr Ungewöhnliches. Und als dann plötzlich der Krieg ausbrach in der Ukraine, war ich ehrlich gesagt kurz davor, den Livestream zu kippen. Wir zogen es dann aber durch, allerdings nicht mit dem versprochenen knallig blauen Anzug, für den sich die Community im Vorfeld ausgesprochen hatte, sondern mit einem etwas passenderen, diskreteren Outfit. Trotz aller journalistischen Erfahrung war es aber nicht einfach, diese Sendung zu moderieren. Schon allein die Schaltung zu Korrespondentin Luzia Tschirky ins Kriegsgebiet hat mich berührt.

Was berührt Sie dieses Mal besonders?
Einerseits die geografische Nähe: Ein Krieg, der nur wenige Flugstunden weg ist, mitten in Europa. Andererseits lassen einem diese Bilder auch als erfahrener Journalist nicht kalt. Die Bilder von Müttern mit ihren Kindern, die fliehen und alles zurücklassen, sich von Söhnen und Vätern verabschieden müssen, das zerreisst einem das Herz.

Es kursieren eindrückliche Bilder, etwa von ukrainischen Dorfbewohnern, die sich russischen Panzern entgegenstellen. Viele Bilder lassen sich aber nicht sicher auf ihre Herkunft überprüfen. Wie gehen Sie als Nachrichtenjournalist mit dieser mangelnden Transparenz um?
Grundsätzlich berichten wir zurückhaltend. Es kursieren viele Videos, die angeblich aus dem Kriegsgebiet stammen. In Zeiten von Social Media erst recht. Viele Videos werden gar nie gesendet, weil wir sie nicht unabhängig überprüfen können. Bei der «Tagesschau» gilt das Zwei-Quellen-Prinzip, also dass mindestens zwei unabhängige Quellen einen Vorfall bestätigen müssen. Und in einem Krieg, in dem die Gefahr besteht, dass einem die Konfliktparteien zu instrumentalisieren versuchen, sind wir noch vorsichtiger. Es ist manchmal wie ein Puzzle, das wir zusammensetzen. Manchmal ziehen wir auch Kolleginnen und Kollegen bei, die ein spezielles Faktenchecking machen können, beispielsweise beim Beschuss des Theaters in Mariupol. Eine gewisse Unsicherheit bleibt aber immer. Jeder Krieg ist auch eine Propagandaschlacht. Deshalb ist es wichtig, dass wir transparent sind und bei Beiträgen ausdrücklich darauf hinweisen, dass eine unabhängige Überprüfung der Quelle nicht möglich war.

Oft sind es Handyvideos, verwackelt, verpixelt, manchmal schwierig zu verstehen oder gar zu überprüfen. Und doch sind Bilder für viele Userinnen und User ein angeblicher Beleg für ein Ereignis. Welche Besonderheiten bringen Bewegtbilder beim Verifizieren mit sich?
Das Bild ist tatsächlich für viele auf den ersten Blick wie ein Beweis, dass etwas passiert ist. Als der Krieg ausgebrochen ist, sind Bilder aufgetaucht, die aus Filmen stammten oder von anderen früheren Konflikten. So wie es Fake-News gibt, gibt es auch Fake-Videos. Täuschend echte. Ich glaube, wichtig ist, sich in solchen Momenten als News-Redaktion bewusst «langsam» zu verhalten, nicht gleich sofort über alles berichten zu wollen. Sich Zeit fürs Überprüfen zu nehmen. Am Schluss ist es die Reputation der «Tagesschau», die zählt.

Gibt es in der Vergangenheit ein Fake-News-Ereignis, das Ihnen als Journalist speziell in Erinnerung geblieben ist?
Es ist lange her, hat mich aber geprägt: Das angebliche Massaker in Timisoara, Rumänien, während des Aufstands gegen den damaligen Diktator Nicolae Ceausescu 1989. Die Bilder von angeblichen Folteropfern Ceausescus gingen um die Welt. Seine Kritiker, seine Gegner, hatten seine Greueltaten illustriert, um ihn zu stürzen. Er und seine Frau wurden daraufhin in einem Schnellverfahren verurteilt und erschossen. Erst Jahre später kam heraus, dass die Toten auf dem Foto eines natürlichen Todes gestorben waren. Die Bilder waren ein bewusster Fake mit denen Agenturjournalistinnen und -journalisten vor Ort und damit die Welt getäuscht wurden. Das hat mich nachdenklich gemacht und geprägt.

Wie haben die sozialen Medien Ihre Arbeit verändert?
Es wird unübersichtlicher, denn es gibt viel mehr Player und Kanäle. Da ist schon eine gewisse Versuchung da, sich an attraktiven Bildern zu bedienen. Da posten und twittern Soldaten und Zivilisten, es gibt Augenzeugenberichte oder es sind staatliche Stellen, die Bilder veröffentlichen. Alle gleichzeitig, alles durcheinander. In sozialen Netzwerken finden sich beispielsweise nicht nur Bilder der Zerstörung, die beweisen wollen, wie schlimm der Krieg ist, sondern auch solche, die genau das Gegenteil zeigen. Bis es aber Bilder auf Social Media in die «Tagesschau» schaffen, braucht es einiges.

Ein Beispiel, das Ihnen geblieben ist?
Auf Twitter habe ich ein Video gesehen, wie ein junger russischer Soldat, der gefangen genommen wurde, seine Mutter anrufen durfte, von Ukrainern mit warmem Tee und Essen versorgt wurde. Er hatte Tränen in den Augen vor Rührung. Bis heute weiss ich nicht, ob das real war oder gestellt. Was klar ist, solche Videos streben eine ganz bestimmte Wirkung an. Sie sind also Propaganda. Deshalb: Hände weg.

Zu Krisenzeiten verzeichnet die «Tagesschau» rekordhohe Einschaltquoten. Sind mangelnde Transparenz und Fehlinformation, beispielsweise auf Social Media, auch eine Chance für Qualitätsmedien?
Ich hoffe es. Gleichzeitig werden wir von gewissen Kreisen als Lückenpresse tituliert. Zuschauerinnen und Zuschauer sehen Nachrichten in alternativen oder sozialen Medien und werfen uns dann vor, dass diese in unserer Berichterstattung fehlen. Ich wurde auch schon gefragt, ob die Glaubwürdigkeit der klassischen Medien insgesamt in den letzten Jahren gestiegen sei. Diese Frage lässt sich nicht mit einem klaren Ja oder Nein beantworten. Was wir aber immer feststellen: Passiert auf der Welt etwas, das Erklärung und Einordnung bedingt, sucht und findet man uns. Zuvor in der Pandemie und auch jetzt wieder seit dem Krieg in der Ukraine, schauen viel mehr Menschen die «Tagesschau». Und das ist sicher ein Vertrauensbeweis.

In den sozialen Netzwerken ist der Krieg sehr präsent und damit auch im Medienalltag von Heranwachsenden. Wie halten Sie es als Vater und Journalist mit dem Medienkonsum Ihrer Kinder?
Meine Kinder kommen immer wieder mal mit Videos zu mir. Zu Beginn des Krieges zeigten sie mir etwa Aufnahmen eines ukrainischen Ausnahme-Kampfpiloten, der angeblich im Alleingang sechs russische Flugzeuge vom Himmel geholt haben soll. Tatsächlich zeigte sich ein paar Tage später, dass es sich um Material aus einem Videospiel gehandelt hatte. Andererseits wird zum Beispiel auf TikTok auch viel über den Kriegsalltag gepostet, was ich wichtig finde, weil es zeigt, wie es den Menschen geht, die den Schrecken des Krieges erleben müssen. Jugendliche, die gar keine klassischen Medien konsumieren, würden ohne solche Videos nicht mit dieser Realität konfrontiert. Ich denke aber auch, dass der bruchstückhafte Konsum nicht reicht, um grössere Zusammenhänge zu verstehen. Deshalb habe ich auch mit meinen Kindern einen «SRF DOK» über die ganze Ära Putin geschaut. Der Austausch mit Kindern ist wichtig. Kinder hören und sehen in Zeiten wie diesen genau hin, haben Fragen. Ich bin aber auch offen für das, was sie zu sagen haben.


Text: SRG Deutschschweiz/Sulamith Ehrensperger

Bild: SRF/Oscar Alessio

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