zwei Fussballspielerinnen des FC Zürich im Hiphop-Look
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Frauenfussball: ein Spiegel der Gesellschaft

Frauenfussball ist im Aufschwung. Das habe auch mit dem gesellschaftlichen Wandel der Rolle der Frau zu tun, sagt Tatjana Haenni, frühere Direktorin Frauenfussball beim Schweizerischen Fussball­verband (SFV) und neu Sport­direktorin der US-Frauenliga NWSL.

Zu Tatjana Haenni

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Porträt Tatjana Haenni

Tatjana Haenni, geboren 1966 in Biel und aufgewachsen in Bern, startete ihre Spielerinnenkarriere 1979 beim DFC Bern. 1984 trat sie in die Schweizer Nationalmannschaft ein und absolvierte 23 Länderspiele.

Ab 1994 arbeitete sie bei der Uefa und ab 1999 bei der Fifa, wo sie als Abteilungsleiterin Frauenfussball ­unter anderem für die Organisation der WM-Turniere der Frauen zuständig war und später stellvertretende ­Direktorin Wettbewerbe wurde. 2018 wechselte sie zum Schweizerischen Fussballverband (SFV) und ­amtete ab 2020 als Direktorin des Frauenfussballs. Seit Anfang Jahr ist Tatjana Haenni Sportdirektorin der US-Frauenliga NWSL.

Mehr lizenzierte Spielerinnen, mehr Fans in den Stadien, mehr Übertragungen am Fernsehen: Frauenfussball ist im Aufschwung. Warum?
Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass das Potenzial gleich gross ist wie bei den Männern – es gibt keinen Grund, dass es kleiner sein soll. Warum war das also bislang noch nicht so? Diese Frage muss man sich in vielen anderen ­Bereichen ebenfalls stellen, denn Frauen sind vielerorts untervertreten, auch in Geschäftsleitungen oder in Verwaltungsräten. Die gesellschaftliche Komponente spielt demnach auch im Fussball eine Rolle. Spezifisch ist hier sicher auch die Geschichte des Fussballs: Es handelt sich um einen von Männern organisierten Männersport. Dieser hat sich von einem Amateursport in den 70er-Jahren zu einem Profisport entwickelt. Frauenfussball wurde sogar verboten. Er musste überhaupt erst zugelassen werden, entstehen und wachsen, er ist mit einem riesigen Rückstand gestartet.

Sie haben insbesondere während Ihrer Zeit bei der Fifa viel Entwicklungsarbeit für den internationalen Frauenfussball geleistet. Wie genau?
Mit sehr viel Leidenschaft. Ich habe mich überall ­bemüht, Projekte anzuschieben, etwas zu machen, Mädchenfussballprojekte oder -ligen zu kreieren. Allerdings blicke ich etwas frustriert zurück, gewisse Projekte sind schon 15 Jahre her, und die Länder sind immer noch nicht viel weiter. Dies ­unterscheidet sich teilweise gar nicht so stark von der humanitären Entwicklungsarbeit, in vielen Staaten ist die Korruption ein massives Problem. Aber vielerorts kommt etwas in Bewegung – wie in der Schweiz geht es zum Teil einfach langsam.

Eigentlich ist es ein Teufelskreis: Frauenfussball generiert noch zu wenig Einnahmen, aber es braucht Geld, um in Frauenfussball zu investieren und so mehr Einnahmen generieren zu können.
Absolut. Wenn man Frauenfussball professionalisieren will, dann braucht es grosse Stadien, braucht es Infrastruktur, eine Professionalisierung. Das kostet. Die Einnahmen sind zwar noch nicht auf dem gleichen Niveau wie bei den Männern, aber wenn ein Schweizer Männer-Profi-Verein einen Umsatz von 20 bis 30 Millionen macht, dann dürfte eine knappe ­Million für die Frauen Platz haben. Die Mehrheit der Fans findet es richtig, dass ihr Klub auch Frauen fördert. So werden mehr ­Tickets und mehr Trikots verkauft. Den Wert kann man vielleicht nicht genau messen, aber ein Frauenteam ist heutzutage ein Gewinn für jeden Verein. Das zeigt sich schon nur bei einigen Schweizer Klubs, wo an die Spiele des Frauenteams Fans mit Fahnen und Trommeln kommen – Tendenz steigend.

Wieso gerade jetzt?
Der Hauptgrund ist sicher die gesellschaftliche Veränderung. Wären Frauen heute noch dort, wo sie in den 60er-Jahren waren, wären sie immer noch gleich irrelevant. Doch heute ist das Thema Frauen omnipräsent, spätestens seit der MeToo-Bewegung. Gewisse Dinge kann man sich heute gar nicht mehr erlauben, etwa ein Podium nur mit Männern. Auch Unter­nehmen haben realisiert, dass sie die Hälfte der potenziellen Kundschaft gar nicht ansprechen, wenn sie sich nur auf Männer konzentrieren. Deshalb hat etwa die Credit Suisse beschlossen, auch Frauenfussball zu sponsern. Das gleiche Bewusstsein hat sich auch bei den Medien etabliert – «Blick», SRF und Co. ­berichten ja nicht einfach freiwillig mehr über Frauensport, ­sondern erfüllen damit Erwartungshaltungen in Bezug auf die ­Behandlung von Frauen, die Diversität und die Gleich­berechtigung. Und die mediale Präsenz, unter anderem von der EM 2022 in England, hat dem Frauenfussball einen Riesenschub gegeben.

Stört es Sie, dass explizit von Frauenfussball gesprochen wird statt einfach von Fussball?
Natürlich ist es gut gemeint, wenn man nicht explizit von Frauenfussball sprechen will. Das Problem ist aber, dass das Wort Fussball als Männerfussball verstanden wird. Die Fifa ist ein Paradebeispiel: Dort gibt es die Fifa-Fussball-Weltmeisterschaft und die Fifa-Frauen-Weltmeisterschaft. Wieso muss man die Frauen betonen, nicht aber die Männer? Die Firma ­Coca-Cola hat ja auch ganz viele Produkte, von Wasser über Fitnessgetränke bis hin zu Coca-Cola Zero. Das Ziel: Möglichst viele Kundinnen und Kunden an sich zu binden und für alle etwas zu haben. Beim Fussball ist es dasselbe: Fussball gibt es für Frauen, für Kinder, für Menschen mit Beeinträchtigungen. Klar ist für Coca-Cola ein Wasser nicht gleich rentabel wie eine klassische Cola, aber es geht darum, möglichst allen etwas bieten zu können. Es ist ein Business Model. Es ist schon fast fahrlässig, das Potenzial des Frauenfussballs nicht ernst zu nehmen.

Wie gross ist die Rolle der Medien?
Die ist wichtig. Die Leute erreicht man über Medien. Viele lesen Zeitungen online, schauen Sportübertragungen – je stärker Frauenfussball dort als professionelle und attraktive Sportart gezeigt wird, desto mehr interessieren sich die Menschen dafür. Dies ist übrigens auch für die Sponsoren wie auch für die Politik und die Meinungsmacher zentral.

Stellen Sie ein verstärktes Interesse der Medien fest?
An der Euro letzten Sommer in England waren so viele Medienschaffende anwesend wie noch nie. Auch in der Schweiz: Kamen früher zwei bis drei Journalisten an eine Pressekonferenz, waren es bei der kürzlichen Verkündigung der neuen Trainerin für die Nationalmannschaft rund 20 Medienschaffende. Das hat auch damit zu tun, dass ein paar junge Journalistinnen und Journalisten ein ganz anderes gesellschaftliches Bild der Frau haben. Ein 30-jähriger Sportredaktor denkt anders als die Mehrheit seiner älteren Kollegen.

Schafft der Frauenfussball neue Rollenbilder?
Ja. Der Frauenfussball profitiert davon, dass er sehr fair ist – die Spielerinnen liegen nicht am Boden rum, sie gehen nicht auf den Schiri los, das Spiel ist viel fairer und schöner, ­weniger auf ­Resultathalten, mehr auf Gewinnen, es gibt keine Hooligans und keine überteuerten Eintritttickets und Löhne. Auch gibt es bereits eine Gruppe von Fans, die die Kommer­zialisierung im Männerfussball kritisch betrachten. Gerade in der deutschen Bundesliga knackt der Frauenfussball aktuell alle Rekorde, über 23 000 Personen pilgern ins Stadium. Viele Fans der Klubs haben die WM in Katar boykottiert und schauten stattdessen die Spiele ihres Frauenteams.

Sehen Sie Unterschiede in der Berichterstattung über ­Frauen- und Männerfussball?
Das Wissen über Frauenfussball ist noch nicht so gross. Was sich allerdings positiv entwickelt hat: Früher sprach man bei Frauen noch viel mehr über Lifestyle, private Sachen, Frauenbeziehungen unter Spielerinnen etc. – also viel mehr über ­Themen, die gar nichts mit Fussball zu tun hatten. Dies hat sich verbessert und das ist gut. Es geht in erster Linie um den Sport.

In einem Interview haben Sie gesagt: «Viele sprechen heute noch von der Entwicklung des Frauenfussballs. Das ist obsolet. Wir müssen den Frauenfussball nicht mehr entwickeln, den gibt es.»
Ja. Mich nervt es, dass man heutzutage noch ein Podium über Frauenfussball organisiert. Bei Männern gibt es das nie, da geht es immer um konkrete Themen wie Digitalisierung, Fan-Engagement, Stadionbau. Das müsste man bei den Frauen doch auch so machen. Wie sieht das Business Model aus? Wieso gibt es so viele Kreuzbandrisse? Wie wird ein Verein frauenfreundlich geführt? Das Wort Entwicklung klingt so gönnerhaft, aber was soll überhaupt entwickelt werden? Deshalb störe ich mich daran, denn es zeigt, dass es nicht ernst gemeint ist, mit dem nötigen Detailwissen.

Ein häufiges Thema sind die ungleichen Saläre: Sollte eine Lia Wälti gleich viel verdienen wie ein Lionel Messi?
Nein, das finde ich nicht. Frauenfussball generiert ­weniger Geld, somit ist es auch legitim, dass die Spielerinnen weniger Geld verdienen. Ich finde, da muss man realistisch bleiben. Wo ich aber dezidiert dafür bin, ist Gleichberechtigung. Sprich dafür, dass es keine strukturelle Diskriminierung gibt, etwa, was die Ausbildungsmöglichkeiten für Kinder und ­Jugendliche angeht. Oft investiert man viel mehr bei den Knaben und hofft, dass sie mal gross rauskommen, während bei den Frauen ­geknausert wird. Staats- und Verbandsinvestitionen müssten ­gerechter verteilt werden. Und es braucht Frauenfussballexpertinnen und -experten in den Gremien.

Auch bezüglich Trainings gibt es unterschiedliche Bedürfnisse. So setzt die Schweizer Frauen-Nati etwa auf Training nach Menstruationszyklus.
Das ist ein grosses Thema, da kommt noch viel auf uns zu. Bislang gibt es kaum Daten dazu, da die Studien zum Training in der Regel mit Männern gemacht werden. Das ist wie in der Medizin, wo viele Krankheiten nur an Männern erforscht wurden. Erst vor ein paar Jahren kam man auf die Idee, dass der ­Menstruationszyklus einen Einfluss auf das Training haben könnte. Das hat sich die männerdominierte Sportwelt vorher nicht überlegt. Wären mehr Frauen in diesen Gremien, dann ­kämen solche Themen auf, zum Beispiel auch die Doppel­belastung Schule/Familie-Karriere. Deshalb braucht es nicht nur mehr Frauenteams, sondern auch mehr Frauen in Fuss­ballverbänden.

Die Schweiz hat als Austragungsort für die EM 2025 kan­di­diert, auch die Politik steht dahinter. Was würde das für die Schweiz bedeuten?
Das wäre mega. Frauenfussball wäre zwei Jahre lang das Thema in der Schweiz, alle würden es mitbekommen, und es gäbe ein nationales Fest während vier Wochen. Dies würde die ­gesellschaftliche Akzeptanz immens fördern und den Frauen­fussball auf ein anderes Niveau heben. Die Leute würden sich einen Match anschauen wollen; Eltern fänden es cool, wenn ihre Tochter im Dorfverein kicken ginge. Es würde eine grosse Bewegung auslösen – es gäbe mehr Spielerinnen, mehr Frauen im Fussball, mehr Vorbilder, mehr Respekt für Frauen.

Nun verlassen Sie aber den Schweizerischen Fussball­verband und wechseln in die USA, wo Sie Sportdirektorin der Frauenliga NWSL werden. Was wollen Sie dort erreichen?
Dass sie die beste Liga der Welt wird. Sie ist eine der besten, aber noch nicht die beste. Es gibt ein grosses Potenzial mit dem Kulturwandel und dem aktuellen Trend des Frauenfussballs. Ich möchte die Bedingungen schaffen, damit die NWSL weltweit ein Vorbild wird für andere Länder.

In der NZZ stand, dass in den USA das Umfeld, um Ideen umzusetzen, wohlwollender ist. Wie kommt es dazu?
Ich bin noch keine Spezialistin, aber in den USA hat der Fussball nicht die gleiche Stellung wie die erfolgreicheren Sportarten American Football, Eishockey, Basketball und Baseball. In den USA galt Fussball lange als Sport für die Jungs, die zu wenig stark für Eishockey oder American Football waren und somit passend für die Frauen. Inzwischen ist Fussball aber völlig salonfähig geworden – sowohl für Männer als auch für Frauen. Dazu beigetragen hat auch das Antidiskriminierungsgesetz «Title IX» in den 70er-Jahren, das dafür sorgte, dass beispielsweise Universitätsgelder im Sport für Frauen und Männer gleichberechtigt ausgegeben werden müssen. Dies war enorm wichtig, denn sonst hätte man wohl – wie in Europa – nur einen minimalen Teil davon in den Frauenfussball investiert.

Zur Bilderreihe der FC Zürich-Fussballerinnen

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Die Bilderreihe zu diesem Interview und auf dem Titelblatt stammt vom Schweizer Künstler und Fotografen Randy Tischler (*1973). Tischler wurde unter anderem mit dem Swiss Press Photo Portrait Award ausgezeichnet und ist mit seinen Werken in Bibliotheken wie dem MoMA New York, dem Centre Culturel Suisse Paris und dem Fotomuseum Winterthur präsent.

Die abgebildeten Fotos von 2017 zeigen Frauen, die selbst­bewusst ihr Ding durchziehen: Fussballerinnen des FC Zürich. Tischler hat in den Fotos die Stärke der Frauen hervorgehoben, indem er mit Elementen aus Hip-Hop und R’n’B arbeitete. Ausser der Körperlichkeit gebe es sehr viele ­Parallelen zwischen dem Sport und der Musikrichtung: das Entertainment, der Zusammenhalt und der Erfolg, der einen am Ende in die Welt hinaustreibt.


Text: Eva Hirschi

Bild: Randy Tischler, Porträt Tatjana Haenni: zVg

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