Schweizer Film: «Kultur ist wichtig für unsere Demokratie»

Die SRG ist eine der drei wichtigen Säulen der Schweizer Film- und Serienförderung. Wir haben mit vier Exponent:innen aus dem Schweizer Film gesprochen, was die Partnerschaft zwischen Branche und medialem Service public bedeutet.

Lukas Hobi: «Kultur ist wichtig für unsere Demokratie»

Zur Person

Lukas Hobi ist Produzent, Gründer und Geschäftsführer von Zodiac Pictures. Zu den erfolgreich umgesetzten Film- und Serienprojekten gehören «Heldin». «Heidi», «Die goldenen Jahre», «Die göttliche Ordnung», «Neumatt» und »Frieden».

«Film ist ein teures Medium. Ohne Förderung gäbe es grundsätzlich keinen Schweizer Film. Gleiches gilt übrigens für grössere Lander wie Deutschland oder Frankreich. Selbst dort ist der Markt zu klein, obwohl die Sprachgemeinschaften um ein x-Faches grösser sind als etwa die Deutschschweiz. Deshalb braucht Film hierzulande den medialen Service public als Partner. Für Private ist es nämlich nicht attraktiv, eigene Filme zu produzieren. Warum sollte ein kommerziell agierendes Medienunternehmen zwei Millionen Franken für eine Eigenproduktion ausgeben, wenn es für 50 000 Franken einen grossen amerikanischen Film einkaufen kann? Das funktioniert nicht. Die SRG und ihre Unternehmenseinheiten gehören zu den drei grossen Säulen der Schweizer Filmförderung. Daneben gibt es das Bundesamt für Kultur und die regionalen Filmfördergefässe, beispielsweise die Zürcher Filmstiftung. Aber die SRG hat nicht nur die Funktion der finanziellen Unterstützung, sondern auch jene als Vermittlerin inne: Filme und Serien sollen natürlich zunächst einmal umgesetzt werden können, aber in einem zweiten Schritt müssen sie auch einer breiten Öffentlichkeit zuganglich gemacht werden.

Es gehört zum Film als Massenmedium, ein grosses Publikum zu erreichen. Starten wir ein neues Projekt, stehen wir in engem Austausch mit der Fiktionsabteilung von SRF. Wir erarbeiten zunächst eine Idee und versuchen, sie dafür zu gewinnen. Und wenn das gelingt, werden die kreativen Bausteine zusammengefügt: Drehbuch, Regie, Cast und viele vor allem personelle Entscheidungen werden von uns als Produktionsfirma im Austausch mit der Redaktion getroffen. Diese Zusammenarbeit ist kollegial, wir verfolgen dasselbe Ziel. Das ist ein deutlicher Unterschied zu vor 25 Jahren, als ich mit der Filmproduktion anfing. Damals bestand eine Kluft zwischen Fernsehen und Filmschaffen. Ersteres produzierte Unterhaltung, Letzteres Kunst. Heute werden Projekte realisiert, die für das Publikum zugänglich und unterhaltend sein sollen, aber mit Haltung und gesellschaftlichem Anspruch.

Kultur ist wichtig für unsere Demokratie: Eine fiktionale Geschichte aus dem Entlebuch kann genauso viel über soziale Entwicklungen und Probleme unserer Zeit aufzeigen wie ein «Tagesschau»-Beitrag. Über Fiktion kann man auch unangenehme oder kontroverse Themen ansprechen. Sei es über Emotionen oder über Humor. Ich finde es sehr schön, wenn Leute nach einem Filmabend beim Verlassen des Kinos sagen: «Ich nehme etwas für mein eigenes Leben mit.»

Ewigi Liebi: SRF und Zodiac produzieren Kino-Musical

Zodiac Pictures produziert gemeinsam mit SRF das Musical «Ewigi Liebi». Das Musical ist ab 12. Februar in den Schweizer Kinos zu sehen. Hier ein paar Fakten und Zahlen zur neuesten Zodiac-SRF-Koproduktion:

  • Pierre Monnard führt Regie.
  • Zum Cast gehören Susanne Kunz, Luca Hänni, Pasquale Aleardi und Elena Flury.
  • Die Weltpremiere des Kinofilms findet am 4. Februar 2026 statt, der offizielle Kinostart ist am 12. Februar 2026.

Barbara Miller: «Der Schweizer Dokumentarfilm hat internationale Ausstrahlung»

Zur Person

Barbara Miller ist Dokumentarfilmerin und Präsidentin des Verbands Filmregie und Drehbuch Schweiz (ARF/FDS). Zu ihren bekanntesten Werken gehören «Forbidden Voices» (2012), «#FEMALE PLEASURE» (2018) und «Wisdom of Happiness – A Heart-to-heart with the Dalai Lama» (2025).

«Dokumentarfilme geben uns die Möglichkeit, dringende Fragen in der Gesellschaft und soziale Strukturen zu reflektieren. Und das auf eine Art, die durchaus unterhaltend sein kann. Das Medium Film erlaubt oft einen emotionalen Zugang zu einem Thema über den Protagonisten, die Protagonistin. Wir erfahren etwas über sie und identifizieren uns mit ihnen. Und vielleicht lernt man dadurch auch etwas über sich selbst. Bei meinem Dokumentarfilm «#FEMALE PLEASURE» war SRF sehr früh als Koproduzent an Bord. Es erkannte die Relevanz hinter diesem tabuisierten Thema. Diese Unterstützung half mir sehr, weitere Fördergelder zu erhalten und so den Film umsetzen zu können. SRF bewies da ein sehr gutes Gespür.

Der Film verzeichnete in der Folge 70 000 Kinoeintritte allein in der Schweiz und wurde 2018 zum erfolgreichsten Schweizer Dokumentarfilm hierzulande. Ein Jahr später war es der erfolgreichste Schweizer Dok weltweit. Das Thema, die weibliche Sexualität und ihre Unterdrückung, war kein leichtes, aber SRF liess mir die volle kreative Freiheit. Da war von Anfang an viel Wohlwollen und ein grosses Vertrauen in meine Arbeit.

Der Schweizer Dokumentarfilm hat internationale Ausstrahlung. Wir haben eine ganz eigene Herangehensweise an Themen, die uns auszeichnet: mit Sorgfalt und Weitsicht. Das hat sicher mit der Stabilität unseres Landes zu tun, mit unserer direkten Demokratie und unserem Bewusstsein für Mitsprache. Wir haben die Möglichkeit, uns auszudrücken, auch kontroverse Themen zu diskutieren. Und das ist das Fundament des dokumentarischen Schaffens in der Schweiz und aus der Schweiz heraus. Es kommt regelmässig vor, dass unsere Dokumentarfilme mit Preisen ausgezeichnet werden, auch international. An diesen Werken hängt immer auch das Label Schweiz. Dafür müssen wir Sorge tragen – denn ohne medialen Service public wurde es das Schweizer Filmschaffen so nicht mehr geben.»

Der «Dok»: Ein Schweizer Aushängeschild

Die Geschichten aus der Schweiz faszinieren sie Menschen im In- und Ausland. Das hat verschiedene Gründe: unsere kulturelle Vielfalt, unser einzigartiges politisches System, unsere vielschichtige Identität, unsere Eigenwilligkeit, unsere Historie – in der Schweiz gibt es faszinierende Geschichten zu erzählen, und der Dokumentarfilm tut dies seit Jahren mit hoher Qualität.

  • Dokumentarfilme gehören zu den Publikumslieblingen: «Überleben am Gotthard – Kampf gegen Stau» erreichte zum Beispiel bei der Ausstrahlung 463 000 Fernsehzuschauerinnen und -zuschauer.
  • Die SRG ist seit 30 Jahren Partnerin des Dokumentarfilmfestivals Visions du Reel in Nyon. Es gilt international als eines der wichtigsten Festivals für den Dokumentarfilm.
  • Rund ein Fünftel des Gesamtbudgets der SRG für unabhängige Schweizer Filme fliesst in die Produktion von Dokumentarfilmen

Sophie Toth: «Internationale Anbieter produzieren auf Hochdeutsch»

Zur Person

Sophie Toth ist Produzentin und Inhaberin der Produktionsfirma Shining Nice. Sie begleitete die Produktion von Serien wie «Tschugger» und «Lultim Rumantsch», die mit SRF bzw. von SRG und RTR koproduziert wurden.

«In der Schweiz leben wir auf kleinstem Raum mit einer absurden Vielfalt von Sprachen und Eigenheiten. Gegenseitiges Verständnis ist in diesem Kosmos eine Herausforderung! Es kommt beispielsweise nicht von ungefähr, dass wir «Tschugger» mit Untertiteln zeigten. Diese Diversität macht unser Land aus, ein Mosaik aus verschiedenen kleinen Welten. Diese existieren nebeneinander, faszinieren, erzeugen aber auch Reibung. Im Film können wir mit diesen schweizerischen Eigenheiten spielen, darauf eingehen und den Leuten auch den Spiegel vorhalten. Durch Selbstironie entsteht etwa Humor, so wird das Erzählte zuganglich für das Publikum.

Schon immer waren Geschichten dazu da, Wissen zu vermitteln. Dabei geht es immer auch um den Erhalt einer Kultur. Dasselbe gilt, wenn wir Filme im Walliserdialekt oder auf Rätoromanisch produzieren. Irgendwann drohen diese Sprachen verloren zu gehen, wenn sie nicht gepflegt werden. Sie gehören zum Schweizer Selbstverständnis. Deshalb ist es gerade für Randregionen wie die Bergkantone wichtig, spannende Geschichten zu finden und sie warmherzig, einfühlsam und auch selbstironisch aufzubereiten.

Diese Gegenden stehen oft nicht im Zentrum der Öffentlichkeit. Deshalb ist es eine Bereicherung, wenn sie im Scheinwerferlicht stehen. In der Deutschschweiz ist es ohne die Unterstützung der SRG bereits heute schwer, eine Serie oder einen Spielfilm in Mundart umzusetzen. Im Gegensatz zur Romandie, die mit dem Französischen keine Sprachbarriere haben, haben wir in der Deutschschweiz eine riesige zu Deutschland und Österreich. Und internationale Anbieter mochten den ganzen deutschen Sprachraum abdecken, produzieren also bevorzugt auf Hochdeutsch. Ohne den medialen Service public sind Dialektproduktionen in Zukunft sehr schwierig zu realisieren. Dadurch ginge ein Stück unserer Kultur verloren.»

Die Serie «Tschugger» als Spielfilm

«Tschugger» kommt zurück, und zwar als Kinofilm. Bereits die vierte Staffel der Erfolgsserie aus dem Wallis lief auf der grossen Leinwand, damals wurden alle Episoden nacheinander gezeigt. Was jetzt folgt, ist ein Spielfilm.

  • Gedreht wird voraussichtlich 2026.
  • Der Kinostart ist noch unklar.
  • Neue Figur: Die Produktionsfirma suchte im Herbst per Casting einen Jungen, der Walliserdeutsch spricht und zwischen acht und zwölf Jahre alt ist.
  • «Tschugger – der latscht Fall» (4. Staffel) lockte 92 000 Menschen ins Kino

Monica Rosenberg : «Unabhängig produzierte Filme sind Service public»

Zur Person

Monica Rosenberg ist operative Leiterin der Solothurner Filmtage.

«Die Solothurner Filmtage sind das einzige Filmfestival, das ausschliesslich dem Schweizer Film gewidmet ist. Viele Werke feiern hier ihre Premiere. Die SRG koproduziert die meisten davon, prägt also unser Programm indirekt mit. Die SRG ist zudem unser Hauptmedienpartner. Durch Visibilität auf den Sendern sowie bei uns am Festival können wir uns gegenseitig unterstutzen. Und eine solche Kooperation ergibt für beide Seiten Sinn. Denn: Was uns vor allem verbindet, ist der Vermittlungsauftrag für den Schweizer Film in seiner kulturellen und sprachlichen Vielfalt. Als Filmfestival setzen wir das Gezeigte in einen gesellschaftlichen Kontext, führen Podiumsdiskussionen, schaffen Begegnungsorte. Eingeladen sind das Publikum, die Filmszene sowie die SRG, um Gedanken auszutauschen sowie Wissen und Erfahrungen zu teilen.

Die SRG wiederum fordert Schweizer Filmproduktionen und zeigt sie auf ihren Kanalen einer breiten Öffentlichkeit. Ausserdem bespricht sie diese journalistisch. Gemeinsam führen wir also jene gesellschaftliche Debatte, die das Schweizer Filmschaffen anstosst, fort. Die Filme, die in Solothurn gezeigt werden, sind aktuell, ihre Themen am Puls der Zeit. Sie setzen sich vertieft mit Inhalten auseinander, die uns als Gesellschaft beschäftigen – in unserem Land, aber auch weltweit. Gleichzeitig schaffen Filme Begegnungsraume: Sie bringen Menschen zusammen, regen Diskussionen an und ermöglichen ein besseres Verständnis füreinander. Ohne diese Vielfalt fallen wichtige Perspektiven auf das Weltgeschehen oder auf soziale Entwicklungen weg.

Kein Wunder, sind die Filmschaffenden besorgt aufgrund der aktuellen politischen Entwicklungen. Für die Branche ist klar: Kleinere, unabhängig produzierte Filme – insbesondere aus und über die Randregionen der Schweiz – sind Service public. Ohne die SRG als Partnerin wurden viele dieser Bilder und Stimmen aus der Schweizer Filmlandschaft und damit aus der Öffentlichkeit verschwinden. Dabei ist gerade die Abbildung der Schweiz und das Erzählen der Geschichten von hier wichtig für den nationalen Zusammenhalt.»

Seit 1966 Schweizer Filmtreffpunkt

Die Solothurner Filmtage finden seit 1966 jährlich statt. Sie sind Publikumsfestival und Branchentreffpunkt. Wie die SRG haben auch die Solothurner Filmtage einen Vermittlungsauftrag für den Schweizer Film. Der Fokus des Festivals liegt auf dem Schweizerischen Filmschaffen aus sämtlichen Sprachregionen.

  • 65 000 Eintritte jedes Jahr.
  • Der Filmpreis «Prix de Soleure» gilt als einer der bedeutendsten Schweizer Kulturpreise.
  • Rund 150 Schweizer Filmproduktionen werden im Rahmen des «Hauptprogramms Panorama» gezeigt.

Text: Pascal Zeder

Bild: SRF/Dominic Steinmann

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