Im Jubel Vereint: So prägt die SRG den Schweizer Sport

Sport schafft gemeinsame Momente, bringt Menschen zusammen und prägt die Schweiz weit über die Wettkampfstätten hinaus. Doch hinter der landesweiten Übertragung dieser Ereignisse steht eine Struktur, die nicht selbstverständlich ist: die SRG. Ein Blick auf die Verbindung von Medien und Wettkampf – und darauf, was auf dem Spiel steht.

Wer in der Schweiz Sport schaut, kommt an der SRG kaum vorbei. Von Weltklasse Zürich bis zur Tour de Romandie, von der Eishockey-WM bis zu Schwingfesten: Die SRG überträgt rund 9000 Stunden Livesport pro Jahr, zeigt Inhalte aus über 100 Sportarten, und das in allen Landessprachen. Für Swiss- Olympic-Präsidentin und alt Bundesrätin Ruth Metzler-Arnold ist genau das ein entscheidender Baustein des Schweizer Sportsystems. «Die SRG bietet einen einzigartigen Service public», sagt sie. Das zeige sich zum Beispiel auch daran, dass der Parasport in der Berichterstattung der SRG fest verankert sei. «Das ist alles andere als selbstverständlich.»

Die Zahlen allein erzählen jedoch nur einen Teil der Geschichte. Der andere Teil findet dort statt, wo Sport tatsächlich lebt: in der Wahrnehmung der Bevölkerung, in der Identifikation mit Athletinnen und Athleten und in den Momenten, die das Land verbinden. «Die mediale Präsenz der SRG schafft die nationale Bühne, die es braucht, damit ein Event überhaupt als solcher wahrgenommen wird», betont auch Luana Bergamin, Geschäftsführerin von SwissTopSport. Die Organisation vereint 21 der grössten Sportveranstaltungen, die jährlich in der Schweiz durchgeführt werden – darunter beispielsweise die Tour de Suisse und der Spengler Cup.

«Die SRG ist nicht einfach ein Sender, der Bilder in die Stuben liefert»

Für Bergamin ist die Bedeutung der SRG für Veranstalter «schlicht existenziell», wie sie betont. «Was zudem oft unterschätzt wird: Die SRG ist nicht einfach ein Sender, der Bilder in die Stuben liefert. Sie ist die einzige Akteurin in der Schweiz, die die technische, personelle und organisatorische Infrastruktur besitzt, um die Übertragung von über 100 nationalen Sportevents pro Jahr in einer Qualität zu produzieren, die internationalen Standards standhält.» Diese Form der Verlässlichkeit könne kein privater Anbieter garantieren. «Würde die Tour de Suisse nicht mehr übertragen, wäre absehbar, dass sie irgendwann gar nicht mehr stattfindet.» Es ist ein Gedanke, der erst drastisch wirkt, dann logisch: Ohne Sichtbarkeit keine Reichweite, ohne Reichweite keine Sponsoren, ohne Sponsoren keine Veranstalter – und irgendwann keine grossen Sportevents mehr.

Kaum irgendwo zeigt sich die Wechselwirkung zwischen medialer Präsenz und sportlicher Entwicklung so deutlich wie in der Leichtathletik. Swiss-Athletics-Präsident Christoph Seiler spricht von einer «Erfolgswelle», die seit gut zehn Jahren anhält – einer Phase, die der Sport in dieser Form noch nie erlebt hat. Die Zahlen unterstreichen das eindrucksvoll: In der Dekade bis 2014 gewann die Schweiz vier internationale Medaillen an Europa- und Weltmeisterschaften; in den zehn Jahren danach waren es vierzig. Eine Verzehnfachung – aber keine zufällige. «Wir haben den Turnaround geschafft», sagt Seiler. «Und die SRG hat einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet.»

Seiler meint damit nicht nur die Liveübertragungen grosser Meetings, sondern vor allem das, was dazwischen passiert: Hintergrundbeiträge, Zielinterviews, Porträts, Social-Media-Videos. All das sorge dafür, dass Athletinnen und Athleten nicht nur als Resultatmaschinen wahrgenommen werden, sondern als Menschen – mit Geschichten, Erfolgen, Enttäuschungen. «Wenn das Publikum die Menschen hinter den Leistungen kennt, entsteht Bindung», sagt Seiler. Und Bindung führt zu Identifikation. Das zeigt sich besonders im Nachwuchs: 230 000 Kinderstarts verzeichnet Swiss Athletics aktuell jährlich – eine Zahl, die ohne mediale Vorbilder kaum denkbar wäre. Besonders sichtbar wird dies bei beliebten Nachwuchsformaten wie dem UBS Kids Cup, der jedes Jahr Zehntausende Kinder zu lokalen Ausscheidungen bewegt – oder beim Mille- Gruyère-Laufprogramm, das schweizweit junge Läuferinnen und Läufer mobilisiert. «Vor allem bei jungen Frauen erleben wir einen regelrechten Boom», sagt Seiler. «Die Vorbilder, die in den letzten Jahren entstanden sind, haben eine enorme Zugkraft.»

«Wenn die Schweiz jubelt, dann gemeinsam»

Darüber hinaus schafft Sport etwas, was im Alltagsbetrieb eines Landes selten geworden ist: kollektive Momente. Man denke an die Heim-EM der Schweizer Frauen-Nati, an historische Ski-Weltcupsiege oder an Schwingfeste, die in allen Sprachregionen Menschen vor die Bildschirme bringen. Für Ruth Metzler-Arnold sind solche Augenblicke mehr als bloss schöne Randnotizen. «Wenn die Schweiz jubelt, dann gemeinsam », sagt sie. «Diese Momente der Einheit gibt es nur, weil die SRG sie allen zugänglich macht.» Genau hier liegt die gesellschaftliche Dimension des medialen Service public. Sport funktioniert nicht wie ein On-Demand-Video, das man irgendwann nachholen kann – seine Kraft liegt im gemeinsamen Erleben, im kollektiven Atemanhalten, im gleichzeitigen Aufschrei. Und diese Gleichzeitigkeit ist ein Wert, der verloren ginge, wenn Sportinhalte hinter Bezahlschranken verschwänden. «Mit einem halbierten Budget könnte die SRG diesen Auftrag nicht mehr erfüllen», betont Ruth Metzler-Arnold und sagt: «Das würde unweigerlich zu einer Spaltung führen: Wer zahlen kann, schaut – wer nicht, bleibt draussen.»

Es wäre ein Bruch mit einem Grundprinzip des Schweizer Sportverständnisses: dass jede und jeder die grossen Momente des Landes miterleben kann. Am deutlichsten würden die Folgen einer Schwächung der SRG jedoch dort spürbar, wo Sport heute am verwundbarsten ist: bei weniger kommerziellen Disziplinen, beim Nachwuchs und bei regionalen Events. Alt Bundesrätin Metzler-Arnold bringt es auf den Punkt: «Kleinere Sportarten würden wohl gar nicht mehr im Fernsehen übertragen. Das hätte fatale Konsequenzen für Vereine, Verbände und Athletinnen und Athleten.» Hier überschneiden sich ihre Einschätzungen mit den Erfahrungen von Christoph Seiler. Für die Entwicklung der Leichtathletik in der Schweiz sind die im Vergleich zu Zürich und Lausanne kleineren internationalen Meetings wie Spitzenleichtathletik Luzern oder Galà dei Castelli in Bellinzona zentral. «Dort können aufstrebende junge Schweizer Athletinnen und Athleten erste internationale Erfahrungen sammeln», sagt Seiler. «Wenn die Sichtbarkeit abnimmt, geraten solche Veranstaltungen mittelfristig unter Druck – und damit eine wichtige Plattform für unseren Nachwuchs.»

Der Sport ist aber nicht nur ein gesellschaftlicher Motor, sondern auch ein wirtschaftlicher. Über 11 Milliarden Franken Wertschöpfung generiert er jährlich in der Schweiz. Hotels, Restaurants, Transportunternehmen und lokale Geschäfte profitieren von Grossanlässen ebenso wie von regionalen Events. «Jeder Franken, den die SRG in Sportübertragungen investiert, generiert in den Regionen ein Mehrfaches an Wertschöpfung», sagt Bergamin. Die Bilder im Fernsehen sind gewissermassen die Einladungskarte für Fans, Touristen und Gäste.

Auch Metzler-Arnold weist darauf hin, dass die SRG nicht nur bestehende Veranstaltungen abbildet, sondern es erst ermöglicht, grosse Events in die Schweiz zu holen. «Die hochklassigen Produktionen der SRG sind ein wichtiges Argument für die Bewerbung vieler Welt- und Europameisterschaften in der Schweiz», sagt sie. «Ohne die SRG würden solche Anlässe kaum stattfinden – und ihre internationale Ausstrahlung ginge verloren.» Der Wert des medialen Service public endet damit nicht an der Bande. Er wirkt in die Regionen hinein, er stärkt Tourismus und lokale Wirtschaft – und er erzeugt Bilder, die ein Land auch international repräsentieren. Christoph Seiler warnt offen davor, dass die Schweizer Leichtathletik im Fall einer Schwächung der SRG «dramatische Einbrüche» erleben würde. Luana Bergamin sieht eine Dominodynamik, die ganze Eventstrukturen bedrohen würde. Und Ruth Metzler-Arnold betont, dass nicht nur Sportlerinnen ihre Plattform verlieren würden, sondern auch die Gesellschaft ihre gemeinsamen Erlebnisse.

«Der Wert der SRG geht weit über den Sport hinaus»

Was sich in all den Stimmen vereint, ist die Einschätzung, dass der Service public nicht bloss ein Medienauftrag ist, sondern ein Pfeiler der Schweizer Sportkultur. Von der Breite bis zur Spitze, von der Nachwuchsförderung bis zur Volkswirtschaft, von der Identität bis zur internationalen Wahrnehmbarkeit. Sport lebt von Emotionen, aber er gedeiht durch Strukturen. Die SRG ist eine davon. Sie macht Leistungen sichtbar, schafft Identifikation, verbindet Regionen und Generationen und ermöglicht Ereignisse, die weit über den Sport hinausstrahlen. Oder wie Ruth Metzler-Arnold es zusammenfasst: «Unsere Athletinnen und Athleten brauchen ihre Bühne. Und die Schweiz braucht diese gemeinsamen Erlebnisse. Der Wert der SRG geht weit über den Sport hinaus.»

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Text: Daniel Schriber

Bild: SRF/Pascal Mora

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