Öffentlich finanziert und trotzdem unabhängig?

Was bedeutet Unabhängigkeit im Journalismus, wenn Medien durch Gebühren finanziert werden? Beim «SRG.Diskutiert»-Talk in St. Gallen ging es um Vertrauen, öffentliche Gelder und die Frage, wie frei Berichterstattung in einem politisch sensiblen Umfeld sein kann.

Für SRG-Generalsekretär Walter Bachmann beginnt unabhängiger Journalismus beim Vertrauen: «Vertrauen ist die Voraussetzung für Glaubwürdigkeit. Medien müssen glaubwürdig sein, wenn sie ihre Rolle als vierte Gewalt im Staat wahrnehmen wollen.» Dabei verweist Bachmann sowohl auf die Medienregulierung in der Schweiz wie auch auf interne Regeln der SRG.

Diese Regeln sollen sicherstellen, dass Journalistinnen und Journalisten Themen eigenverantwortlich setzen und so berichten, «dass sich das Publikum eine eigene Meinung bilden kann». Entscheidend sei, erklärt Bachmann, dass die Unabhängigkeit der Arbeit auch unter finanziellem Druck nicht leidet.

Integrität statt formaler Unabhängigkeit

Die Vorstellung völliger Unabhängigkeit hält Timo Züst für eine Illusion. «Ich glaube, als Journalist ist man nie unabhängig», sagt der Chefredaktor der Tüüfener Poscht. Für ihn steht deshalb vor allem Integrität im Mittelpunkt.

Dass man es nicht allen Leserinnen und Lesern recht machen kann, weiss Züst aus eigener Erfahrung. Immer wieder erhält der Lokaljournalist wütende Emails von Lesenden, die vor allem Themen kritisieren, die nicht aufgegriffen wurden. Wichtig seien stabile Strukturen, etwa eine unabhängige Rechtsform. In der zunehmenden Medienkonzentration sieht Züst zugleich eine Chance: Es entstünden Lücken, in denen lokale, unabhängige Produkte wieder an Bedeutung gewinnen könnten.

Medienförderung und politische Abhängigkeiten

Wenn es um Finanzierung geht, zieht Monika Knill eine klare Grenze. Steuermittel für punktuelle Medienförderung seien für sie denkbar, «aber nicht als Ersatz für die SRG-Gebühren». Entscheidend sei, dass finanzielle Mittel «nie an journalistische Vorgaben» geknüpft würden.

Insbesondere staatliche Finanzierung berge Risiken, warnt Knill: «Dann ist die Unabhängigkeit viel stärker gefährdet», weil politische Argumentationen und Abhängigkeiten entstünden. Umso wichtiger sei es, den Stellenwert unabhängiger Medien sichtbar zu machen – gerade im Zusammenspiel mit direkter Demokratie und der Berichterstattung über Gesellschaft und Politik in der Schweiz.

Stabiles Vertrauen, brüchige Finanzierung

Aus Forschungsperspektive rückt Daniel Vogler vor allem die ökonomische Lage in den Fokus. «Die Leute wollen nicht für den Journalismus zahlen, die Werbegelder gehen zurück», sagt der Forschungsleiter und stellvertretende Direktor des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft an der Universität Zürich. Diese Finanzierungskrise könne Abhängigkeiten begünstigen.

Gleichzeitig zeigten die Daten ein differenziertes Bild: «Empirisch gesehen ist das Vertrauen in der Schweiz über die letzten zehn Jahre stabil.» Blindes Vertrauen sei ohnehin nicht erstrebenswert. Entscheidend bleibe, dass Journalistinnen und Journalisten selbst bestimmen können, «wie und über was berichtet wird». Das grösste Problem sei letztlich nicht das Vertrauen, sondern das Geld.

Die Diskussionsrunde in St. Gallen zeigt, dass Unabhängigkeit kein absoluter Zustand ist, sondern das Ergebnis von Regeln, Haltung und finanziellen Rahmenbedingungen.

Text: SRG.D

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