«Wer Medieninhalte nicht versteht, kann sich keine Meinung bilden»

Für gehörlose Menschen und Menschen mit Hörbehinderung sind barrierefreie Medien keine Zusatzleistung, sondern die Voraussetzung für gleichberechtigte Teilhabe an Information und demokratischem Diskurs. Ben Jud, Pressesprecher des Schweizerischen Gehörlosenbunds SGB-FSS, erklärt, weshalb der Zugang zu Medien nicht allein marktwirtschaftlichen Logiken folgen darf und welche Folgen Einsparungen hätten.

Zur Person

Ben Jud ist Pressesprecher des Schweizerischen Gehörlosenbunds SGB-FSS.

In der Schweiz leben rund 20’000 bis 30’000 gehörlose Menschen sowie etwa 1,3 Millionen Menschen mit Hörbehinderung. Welche Bedeutung hat der barrierefreie Zugang zu Informationen für diese Gruppen im Alltag?

Untertitel und Inhalte in Gebärdensprache machen Informationen für gehörlose Menschen und Menschen mit Hörbehinderung überhaupt erst zugänglich. Es geht nicht um Komfort, sondern um Demokratie und Sicherheit. Barrierefreiheit ist kein Zusatzangebot, sondern die Voraussetzung dafür, dass wichtige Informationen alle Bürgerinnen und Bürger erreichen – auch Minderheiten.

Spielt es eine Rolle, ob eine Sendung in Gebärdensprache übersetzt oder untertitelt wird?

Absolut. Für gehörlose Menschen ist Gebärdensprache die Muttersprache. Deutsch ist und bleibt eine Fremdsprache, was dazu führt, dass viele gehörlose Personen beim Lesen komplexer deutscher Texte auf zusätzliche Hürden stossen. Deshalb sind Zeitungen oder Onlinemedien für viele gehörlose Menschen nur begrenzt hilfreich.

Wie meinen Sie das?

Um sich fundiert zu informieren, reichen kurze Nachrichtenformate nicht aus. Wer sich vertieft mit politischen Debatten auseinandersetzen möchte, muss auf Zeitungen wie den «Tages-Anzeiger» oder die «NZZ» zurückgreifen. Diese erfordern jedoch ein hohes Textverständnis, das für viele gehörlose Menschen eine Herausforderung bleibt, weil Deutsch nicht ihre Muttersprache ist. Deshalb sind Fernsehangebote mit Gebärdensprache besonders wichtig, damit auch gehörlose Menschen und Menschen mit Hörbehinderung Zugang zu Originalinformationen erhalten.

«Wer Inhalte nicht versteht, kann sich keine Meinung bilden und somit nicht am demokratischen Diskurs teilnehmen»

Die SRG untertitelt heute knapp 84 Prozent ihres linearen Fernsehangebots und sendet jährlich über 1’270 Stunden Gebärdensprache. Das klingt erst einmal nach einem grossen Angebot. Wo sehen Sie dennoch Defizite?

Wer Inhalte nicht versteht, kann sich keine Meinung bilden und somit nicht am demokratischen Diskurs teilnehmen. Die Schweiz ist in Europa beim Thema Anerkennung der Gebärdensprache das Schlusslicht. Portugal ist hier führend: Dort werden grosse Teile des Programms in Gebärdensprache übersetzt, und die Dolmetscherinnen und Dolmetscher werden im Hauptprogramm eingeblendet. Das erhöht auch die Sichtbarkeit dieser Bevölkerungsgruppe. In der Schweiz hingegen werden gebärdete Programme häufig auf Infokanälen ausgelagert. Für eine umfassende demokratische Teilhabe ist deutlich mehr Gebärdensprache erforderlich. Voraussetzung dafür wäre zunächst die Anerkennung der Gebärdensprache.

Welche Folgen hätte die Annahme der Halbierungsinitiative für diese Bevölkerungsgruppe?

Die SRG ist aufgrund ihres Service-public-Auftrags verpflichtet, täglich eine Informationssendung in Gebärdensprache anzubieten. Aktuell ist das Angebot etwa viermal so gross. Diese zusätzlichen Leistungen sind jedoch nicht garantiert, sondern müssen alle vier Jahre neu verhandelt werden. Das nächste Mal im Jahr 2027. Im Fall einer Annahme der Halbierungsinitiative ist zu erwarten, dass künftig nur noch der Mindestleistungsauftrag erfüllt werden kann.

Bisher ist unklar, an welchen Stellen im Falle einer Annahme Einsparungen vorgenommen würden.

Wenn Schweizer Radio und Fernsehen vor der Entscheidung steht, entweder 1’200 Stunden Gebärdensprache anzubieten oder beispielsweise das Lauberhornrennen zu übertragen, ist das Ergebnis absehbar. Wird das Lauberhornrennen aus dem Programm gestrichen, verärgert man damit mehrere Millionen Menschen. Wird hingegen die Gebärdensprache gestrichen, betrifft das eine deutlich kleinere Gruppe. Bei Sparmassnahmen geraten Minderheiten sehr schnell ins Hintertreffen.

«Private Anbieter können den Service public höchstens ergänzen, aber niemals ersetzen»

Lässt sich diese Leistung Ihrer Ansicht nach nicht auch durch private Anbieter abdecken?

Nein. In der Schweiz bietet derzeit kein privater Sender regelmässig Formate in Gebärdensprache an. Barrierefreiheit ist kostenintensiv und wirtschaftlich kaum rentabel. Private Anbieter können den Service public daher höchstens ergänzen, aber niemals ersetzen.

Wie beeinflusst Ihre frühere Tätigkeit als Radiomoderator Ihren heutigen Blick auf mediale Zugänglichkeit?

Als Radiomoderator habe ich erlebt, wie selbstverständlich Informationen über Ton und Sprache vermittelt werden. Aber erst durch meine heutige Arbeit verstehe ich, wie viele Menschen faktisch ausgeschlossen bleiben, wenn Angebote nicht barrierefrei gestaltet sind. Wichtig ist: Gehörlose Menschen fordern keine Sonderbehandlung, sondern denselben Zugang zu Informationen wie hörende Menschen.

Welche Verantwortung trägt ein öffentlich finanziertes Medienhaus gegenüber Menschen mit Sinnesbehinderungen?

Öffentliche Finanzierung bedeutet auch öffentliche Verantwortung. Der Zugang für alle Bevölkerungsgruppen ist dabei unerlässlich – nicht nur für die Mehrheit. Vielen Menschen ist das nicht bewusst. In Onlineforen lese ich häufig, man könne das «bisschen Gebärdensprache» ja auch anders lösen. Für mich sieht gesellschaftlicher Zusammenhalt anders aus.

Text: Nicole Krättli

Bild: SRF/Gian Vaitl/zVg

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