Wie gut bildet die SRG die Vielfalt der Schweiz ab?

Die Schweiz ist längst vielfältiger geworden – die Medienlandschaft spiegelt diese Realität jedoch nur teilweise wider. Vier Stimmen aus Medien, Wissenschaft und Gesellschaft über Repräsentation, Diversität und die Rolle der SRG.

Die Schweiz hat sich längst von einem Einwanderungsland zu einem postmigrantischem Land verändert. «Migration ist nicht mehr Ausnahmezustand, sondern Normalität – in der Be­richterstattung sieht man das allerdings noch nicht», sagt Artan Islamaj, Co-Direktor des Instituts Neue Schweiz. Die Denkfa­brik befasst sich mit Themen wie (Post-)Migration, Integration, Rassismus und Demokratisierung. Artan Islamaj setzt sich ins­besondere mit der medialen Repräsentation auseinander.

Zwar hätten je nach Definition über 40 oder sogar 50 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz eine Migrationsgeschichte, doch dies widerspiegle sich in den Me­dien kaum. Dabei gehe es nicht nur darum, wie viele migranti­sierte Menschen in den Medien vorkommen würden, sondern auch darum, wie über sie berichtet werde. «Oftmals liegt das Problem im Framing. Über Migration wird häufig kategorisch negativ berichtet», sagt Islamaj.

Er stellt ein zweites sehr prägnantes Narrativ fest: Be­richte über Migrantinnen und Migranten und ihre Erfolgsge­schichten. Das scheine zuerst positiv, vermittle es doch ein anderes Bild, sagt Islamaj. Gleichzeitig könne dies auch prob­lematisch sein: «Der gesellschaftliche Wert dieser Personen wird an besondere Leistungen geknüpft.» Die unterschwellige Botschaft laute: Wer in der Schweiz lebe, müsse sich zuerst be­weisen. «Dabei sollten Medien Migration genuin abbilden, ohne Stereotypisierung und ohne die ‹guten› und ‹schlechten› Mig­rantinnen und Migranten gegeneinander auszuspielen.»

Wie schwierig das sein kann, zeigt für Islamaj die Folge der SRF-Sendung «Mona mittendrin», in der Mona Vetsch in den Sommerferien nach Kosovo reiste und dort Menschen aus der Schweiz traf, die ihre Ferien im Herkunftsland verbrachten, ihre Familien besuchten oder eine Hochzeit feierten. «Diese Sendung kam interessanterweise bei einem grossen Teil der albanischen Community sehr gut an, obwohl sie eigentlich voller Stereotypen ist», sagt Islamaj. Das zeige, wie stark die Menschen aus Kosovo in der Schweiz geprägt und gebrand­markt seien. «Wir krallen uns an jedes positive Bild über unsere Community, um uns von den Klischees der 1990er- und 2000er-Jahre zu distanzieren, als es hiess, Kosovaren würden Schweizer aufschlitzen. Diese Bilder und Geschichten wirken heute noch nach.» Eines der Probleme sei für ihn die fehlende Diversität in den Redaktionen. «Es gibt eine Diskrepanz zwi­schen den Menschen, die in der Schweiz leben, und denjenigen, die über sie berichten.» Das belegen auch Studien: Eine Befra­gung des Instituts für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW hat gezeigt, dass im Jahr 2023 schweizweit gerade ein­mal 13 Prozent der Journalistinnen und Journalisten angaben, im Ausland geboren zu sein.

«Es gibt eine Diskrepanz zwi­schen den Menschen, die in der Schweiz leben, und denjenigen, die über sie berichten.» Artan Islamaj, Co-Direktor des Instituts Neue Schweiz

Auch Secondos waren unterrepräsentiert: Nur bei 19 Prozent der Befragten stammte ein Elternteil aus dem Aus­land, bei 15 Prozent waren es beide Elternteile. «Je höher die Position in der Medienhierarchie, desto weniger repräsentativ wird die Belegschaft», sagt Islamaj. Mit mehr Repräsentation allein sei jedoch wenig gewonnen. Es gehe auch immer darum, wer Themen setze, Entscheidungen treffe und definiere, welche Geschichten erzählt werden und was als gesellschaftliche Normalität gilt.

Dieses Problem stellt auch Giannis Mavris, Redaktor bei Swissinfo, fest. Deshalb engagiert er sich im Verein Neue Schweizer Medienmacher*innen, der sich für Vernetzung und Nachwuchsförderung sowie eine ausgewogene Berichterstat­tung und stärkere Präsenz von Migrantinnen und Migranten in den Medien einsetzt. «Die Schweiz ist eines der durchmisch­testen Länder der Welt. Wenn man es nicht schafft, das auch in der Berichterstattung abzubilden, dann haben die Medien ihren Job nicht gut gemacht», so Mavris.

Dafür brauche es aber einen bewussten Effort: «Es ist wie bei Frauen», sagt Mavris, «Männer geben schneller ein In­terview, manchmal sogar, wenn sie im entsprechenden Thema gar nicht kompetent sind. Frauen zögern eher. Auch Menschen mit Migrationshintergrund fühlen sich manchmal vielleicht nicht legitimiert, Auskunft zu geben, noch dazu zu einem ‹Schweizer› Thema – wir müssen sie aber dazu motivieren, da­mit ihre Stimme auch gehört wird.»

Gleichzeitig müsse man vermeiden, Journalistinnen und Journalisten mit Migrationshintergrund nur auf solche Themen anzusetzen. Diese Erfahrung habe auch er gemacht: Giannis Mavris ist in Athen geboren, sein Vater stammt von der Insel Paros, seine Mutter aus Oberdiessbach im Kanton Bern. Mit zehn Jahren kam Giannis Mavris in die Schweiz. Als er vor einem Jahrzehnt bei einer grossen Tageszeitung in Zürich ar­beitete, hiess es: «Du bist doch Grieche, kannst du nach Basel fahren und über die griechisch-orthodoxe Kirchgemeinde schreiben?» Seine erste Reaktion war: Nein. «Ich wollte nicht derjenige der Redaktion sein, der über ‹Ausländer-Themen› schreiben muss, nur weil ich ‹so einer› bin.»

Im Dorf im Kanton Bern, wo Mavris aufgewachsen ist, war er lange einfach «der Ausländer» gewesen. Als Journalist jedoch wollte er über Schweizer Themen schreiben – wie alle anderen auch. Ein Redaktionskollege – selbst einer der wenigen mit Migrationshintergrund bei der Zeitung – redete ihm ins Gewissen: «Nutze doch deinen Vorteil, du verstehst die Spra­che, kennst die Kultur.» «Das leuchtete mir ein», sagt Mavris, «das eine schliesst das andere ja nicht aus. Ich kann trotzdem auch über andere Themen schreiben.»

Auch habe er gemerkt, dass er tatsächlich einen ent­scheidenden Mehrwert liefern könne. «Die Redaktionen müs­sen erkennen, dass Journalistinnen und Journalisten mit Mig­rationshintergrund ganz andere Zugänge zu Menschen und Themen mit sich bringen. Das allein würde schon dafürspre­chen, bei den Angestellten auf mehr Vielfalt zu achten», so Mavris.

Dass Vielfalt im Team ein Vorteil sei, erlebe er bei Swissinfo jeden Tag: «In unserer Redaktion sind Dutzende Na­tionalitäten vertreten. Das verschafft uns einen ganz anderen Blick auf die Ereignisse. Ich bin überzeugt, dies führt zu ei­ner viel höheren Qualität des Journalismus, weil verschiedene Perspektiven aufeinandertreffen und der eigene Horizont viel grösser wird.»

«In unserer Redaktion sind Dutzende Na­tionalitäten vertreten. Das verschafft uns einen ganz anderen Blick auf die Ereignisse.» Giannis Mavris, Redaktor Swissinfo

Für Albina Muhtari ist die Zusammensetzung der Redaktion oder die Repräsentation von Menschen mit Migrati­onshintergrund nur ein Teil der Frage. Entscheidend sei letzt­lich auch, welche Themen überhaupt in der Berichterstattung aufgenommen würden. «Wenn Journalismus den Anspruch hat, eine demokratische Rolle zu übernehmen, gesellschaftli­che Realitäten abzubilden und eine Debatte zu ermöglichen, dann kann er nicht einfach die Anliegen eines riesigen Teils der Bevölkerung ausblenden», sagt Muhtari.

Aus diesem Grund gründete die Journalistin, die zu­vor bei Ringier und Tamedia gearbeitet hatte, 2018 das Online-Magazin «Baba News». Das Magazin legt einen besonderen Fokus auf die Perspektiven von Menschen mit Migrationsge­schichte. «Als Person mit migrantischem Hintergrund, die in der Schweiz aufgewachsen ist, fehlte mir in den Medien eine Innenperspektive», sagt Muhtari. «Darum produzieren wir multimediale journalistische Inhalte aus dem Inneren einer multi-ethnischen Community.»

Mit Innenperspektive meint Muhtari Themen, die Menschen mit Migrationshintergrund überhaupt beschäftigen. Sie führt ein Beispiel an: Eine amtierende serbische Ministerin habe am 11. Juli – ausgerechnet am Gedenktag an den Genozid von Srebrenica – öffentlich in einem Fernsehinterview erklärt, wäre sie an der Stelle von Slobodan Milošević gewesen, hätte sie den Kosovo ethnisch gesäubert. «Dass dieses Ereignis in der Schweizer Berichterstattung überhaupt nicht aufgegriffen wurde, obwohl rund 250 000 Menschen in der Schweiz Wurzeln im Kosovo haben, ist für mich unverständlich.»

Diversity-Projekte oder Ethic Boards allein seien des­halb keine Lösung. Entscheidend seien Offenheit und Neugier in der Redaktion – und die Bereitschaft, die eigene Arbeitswei­se zu hinterfragen. «Viele Redaktionen haben es sich bequem gemacht im Hinblick auf Routinen – sie stützen sich auf die im­mer gleichen Quellen oder befragen oft die gleichen Expertin­nen und Experten, die sie schon seit Jahrzehnten interviewen. Wenn migrantische Expertinnen und Experten überhaupt zu Wort kommen, sind es oft solche, die das Narrativ der Redak­tion vertreten.»

«Wenn migrantische Expertinnen und Experten überhaupt zu Wort kommen, sind es oft solche, die das Narrativ der Redak­tion vertreten.» Albina Muhtari, Gründerin «Baba News»

Gerade gegenüber solcher Kritik nehme sie häufig eine gewisse Abwehrhaltung wahr. «Auf Baba News üben wir viel Medienkritik, was in der Schweiz aber gar nicht gut an­kommt. Dabei ist das absolut legitim. Es kann nicht sein, dass wir als Medienschaffende jedes System kritisieren dürfen, nur nicht die eigene Branche.» Ein Monitoring könnte aus ihrer Sicht helfen, Redaktionen für solche Fragen zu sensibilisieren: «Nur ab und zu darüber zu diskutieren, aber keine konkreten Massnahmen zu treffen, verändert kaum etwas. Es braucht ei­nen gewissen Druck auf die Redaktionen.»

Für die SRG stellt sich die Frage der Vielfalt in beson­derer Weise. Die SRG ist gemäss Konzession verpflichtet, die Gesellschaft in der Schweiz in ihrer ganzen Diversität hör- und sichtbar zu machen. Dazu gehören die Vielfalt an Themen, Per­spektiven und Erfahrungen ebenso wie die Diversität derer, die zu Wort kommen – ob hinsichtlich Geschlecht, Herkunft, Eth­nie, Alter, sexueller Orientierung, Behinderungserfahrung oder religiöser Zugehörigkeit.

«Es ist uns ein wichtiges Anliegen, die Schweiz und ihre Menschen sachgerecht abzubilden, und das nicht nur, wenn es in der Berichterstattung um Identität oder Herkunft geht», sagt Beat Soltermann, Co-Leiter Information bei SRF. Als Service-public-Medium sei man sich der besonderen Ver­antwortung bewusst: «Unser Anspruch ist es, diese Vielfalt spürbar zu machen, beim Personal, bei der Themensetzung und bei den Formaten.»

Vor vielen Jahren habe es bei Radio DRS, wie das Ra­dioprogramm von SRF damals noch hiess, auch fremdsprachi­ge Angebote für verschiedene migrantische Bevölkerungsgruppen gegeben. Von diesem Ansatz sei man schon lange weggekommen, sagt Soltermann. Heute gehe es stärker darum, unterschiedliche Lebensrealitäten im regulären Angebot selbst­verständlich sichtbar zu machen, statt ein «Wir» und ein «Ihr» zu bilden. Das Ziel sei: «Wir wollen einen gemeinsamen Raum bieten, in dem unterschiedliche Menschen und Meinungen auf­einandertreffen.»

Beat Soltermann sieht grosse Fortschritte im Medien­haus: «In den vergangenen Jahren hat sich viel bewegt. Sowohl in der Berichterstattung als auch in den Teams sind unterschied­liche Perspektiven und Lebensrealitäten heute stärker präsent.» Dennoch gibt es auch bei SRF noch Luft nach oben: «Wir sind sicher noch nicht am Ziel.» Dies nicht zuletzt, weil sich die Schweiz ständig verändere: «Die Schweiz in all ihren Facetten abzubilden, ist eine kontinuierliche journalistische Aufgabe. Sie verlangt, dass wir unsere Themenwahl und unsere eigenen blinden Flecken immer wieder kritisch überprüfen.»

«Die Schweiz in all ihren Facetten abzubilden, ist eine kontinuierliche journalistische Aufgabe.» Beat Soltermann, Co-Leiter Information bei SRF

Gewisse Instrumente können dabei helfen. So setzt SRF seit mehreren Jahren auf eine interne freiwillige Statistik zur Geschlechterrepräsentation. Sie erfasst, wie hoch der Frau­enanteil unter den eingeladenen oder zitierten Fachpersonen und Gesprächsgästen liegt. Das helfe, Ungleichgewichte über­haupt zu erkennen, sagt Soltermann. Denn mangelnde Vielfalt entstehe häufig nicht absichtlich, sondern aufgrund eingespielter Routinen und bestehender Netzwerke. Gerade solche «blinden Flecken» müsse eine Redaktion erkennen und journa­listisch reflektieren.

Um Stereotype und Klischees zu vermeiden, bietet auch ein internes Glossar Unterstützung. Das Glossar soll Be­griffe erklären, aber auch einen sensiblen, diskriminierungs­freien Umgang mit Sprache fördern und damit Orientierung in der täglichen journalistischen Arbeit geben. Denn: «Sprache ist dynamisch, und die Konnotation oder Bedeutung von Begrif­fen verändert sich mit der Zeit.» So steht im Glossar unter anderem, dass man heute nicht mehr von Asylanten oder Asyl­bewerbern spricht, sondern von Asylsuchenden.

Wichtiger als starre Vorgaben sei aber die Sensibili­sierung der Journalistinnen und Journalisten. «Wir haben regel­mässige Feedbackrunden und Sendungskritiken, bei denen Vielfalt und Perspektivenwahl ebenfalls ein Thema sein kön­nen.» Entscheidend seien jedoch in erster Linie journalistische Kriterien. Ein Messsystem für weitere Diversitätsmerkmale einzusetzen, sei schwierig. Einerseits gebe es viele Faktoren, nach denen man Menschen einordnen könnte, andererseits be­stehe gerade dadurch die Gefahr neuer Schubladen: «Wir wol­len unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen und den Austausch fördern», sagt Soltermann. «Das Ziel ist nicht, die Schweiz in zehntausend Einzelteile zu zerlegen, sondern ihre Vielfalt in einem gemeinsamen öffentlichen Raum sichtbar zu machen.» Darin liege auch eine der verbindenden Aufgaben des Service public.

Text: Eva Hirschi

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