Resonanzradar #17: Publikumsrat diskutiert Migration, Zugehörigkeit und Repräsentation bei SRF am Fest der Kulturen in St.Gallen
Am Fest der Kulturen in St. Gallen zeigte sich, was Resonanz ausmacht: miteinander ins Gespräch kommen. Das Leitungsteam des Publikumsrats SRG.D erlebte einen Tag voller Offenheit, neuer Perspektiven und spannender Diskussionen – am Stand des Resonanzraums und auf dem Podium zu Migration, Zugehörigkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt.
Über den Resonanzradar
Über den Resonanzradar
Der «Resonanzradar» ist der Blog des Leitungsteams des Publikumsrats der SRG Deutschschweiz. In regelmässigen Abständen informiert es so zu Neuigkeiten und Erkenntnissen aus dem Resonanzraum.
Es wurde heiss am Samstag, dem 20. Juni, in der Altstadt von St. Gallen. Nicht nur die Temperaturen waren aussergewöhnlich, sondern auch die vielen Begegnungen und Darbietungen am «Fest der Kulturen». Das Leitungsteam des Publikumsrats war mit einem Stand mitten im Geschehen präsent und durfte einen Tag erleben, der geprägt war von Offenheit, Interesse und vielfältigen Gesprächen.
Zwischen Musik, Kulinarik und kultureller Vielfalt wurde diskutiert, gelacht und gefragt. Viele Besucherinnen und Besucher nutzten die Gelegenheit, um mehr über den Resonanzraum und die Arbeit des Publikumsrats zu erfahren. Was macht der Resonanzraum eigentlich? Wer kann mitmachen? Und wie? Der direkte Austausch vor Ort bot deshalb eine wertvolle Gelegenheit, Brücken zu bauen und aufzuzeigen, dass der Resonanzraum allen offensteht, die sich mit Medien, Gesellschaft und dem Service Public auseinandersetzen möchten.
Zur Resonanz gehört Kritik
Nebst Interesse gab es auch kritische Fragen. Einige Besucherinnen und Besucher äusserten Erwartungen und Wünsche, andere schilderten persönliche Erfahrungen oder formulierten Anliegen zu aktuellen gesellschaftlichen Themen. Die unterschiedlichen Perspektiven machten die Gespräche spannend. Sie erinnerten daran, dass Resonanz nicht nur aus Zustimmung entsteht, sondern auch aus kritischen Rückmeldungen, Nachfragen und dem Wunsch, gehört zu werden.
Besonders bereichernd waren die persönlichen Geschichten, die Menschen mit uns teilten. Nicht selten nahmen sich Besucherinnen und Besucher Zeit, von ihrer Herkunft, ihren Erfahrungen oder ihrem Alltag in der Schweiz zu erzählen. Gerade an einem Anlass wie dem Fest der Kulturen wird sichtbar, wie vielfältig die Lebensrealitäten in unserem Land sind und wie wichtig Räume bleiben, in denen unterschiedliche Stimmen aufeinandertreffen können. Man ist sich nicht immer einig, aber ein Konsens wird deutlich: wenn man miteinander spricht und einander verstehen möchte, dann verbindet das die Menschen.
Vier Migrationsperspektiven auf dem Podium
In Ergänzung zum Fest der Kulturen lud der Publikumsrat am frühen Abend ins Forum St. Katharinen zu einer Podiumsdiskussion mit vier illustren Gästen und vielen unterschiedlichen Perspektiven auf Migration ein.
Vića Mitrović hatte in Serbien Politologie studiert, bevor als Gastarbeiter in die Schweiz kam – im Glauben, er kehre einmal zurück. «Das wird Migranten der ersten Generation innerlich und seelisch immer begleiten.» Als sein in der Schweiz geborener Sohn in die Schule kam und Schweizerdeutsch sprach, wusste er, dass er nie mehr zurückgehen wird. «Aber wenn ich sterbe, wird meine Asche in meinem Dorf, wo ich als Kind auf den Feldern gearbeitet habe, verstreut.»
Vića Mitrović liess sich einbürgern und stieg in die Lokalpolitik ein, 2024 wurde er zum Präsidenten des Stadtparlaments St. Gallen gewählt. «Obwohl ich nicht Schweizerdeutsch sprechen kann, ist die Schweiz effektiv meine Heimat geworden, und ich liebe dieses Land.» Seine Geschichte hat er im Buch «Gastarbeiter» beschrieben.
«Ich bin hin- und hergerissen. Meine Wurzeln sind in der Schweiz, aber wenn ich nach Kroatien gehe, spüre ich auch Heimatgefühle.»
Als Tochter kroatischer Eltern aus dem heutigen Bosnien und Herzegowina wurde Alexandra Pavlović in Rorschach geboren. Die Journalistin ist heute Head of Social Media bei CH-Media. Fragt man sie nach ihrer Heimat, sagt sie: «Ich bin hin- und hergerissen. Meine Wurzeln sind in der Schweiz, aber wenn ich nach Kroatien gehe, spüre ich auch Heimatgefühle.» Heimat ist für sie ebenso das, was die Eltern ihr mitgaben, als auch das, was sie am Ort, wo man aufwuchs, erleben konnte.
Ohne Vorurteile geht es nicht
Der Comedian Cenk Korkmaz aus Winterthur-Töss wurde in Ankara geboren und kam als Dreijähriger in die Schweiz. Im Kindergarten sprach er noch kein Deutsch, ein Problem war das nicht: «Kinder geben einem nicht das Gefühl, anders zu sein aufgrund von Herkunft oder wie man aussieht – es zählt, wie man sich verhält.» Cenk Korkmaz möchte Migrationsthemen in sein Programm einbauen und sieht dabei eine Parallele zur Medienwelt: «Wenn man es richtig macht, ist Comedy wie Journalismus: Die Suche nach der Wahrheit.» Eine dieser Wahrheiten sei, dass niemand frei von Vorurteilen sei: «Das geht gar nicht. Man bewertet immer, wenn man etwas sieht.»
Das sieht Can Külahcigil nicht gleich: Als Redaktor von SRF hat er zusammen mit seiner Kollegin Lena Oppong die Arbeitsgruppe Migration & Rassismus gegründet. Diese organisiert im Auftrag der Ausbildungsabteilung Workshops, um SRF-Leute für eine vorurteilsbefreitere Berichterstattung zu sensibilisieren. Denn: «41 Prozent der Menschen in der Schweiz haben eine Migrationsgeschichte.» Für ihre Arbeit bekommen Can Külahcigil und Lena Oppong inzwischen Applaus – «bis zum Punkt, an dem Feedbacks unbequem werden.»
«Ich möchte einen Türken im Fernsehen sehen – das ist doch eine oberflächliche Art von Identifikation.»
Wie die vielfältige Schweiz medial abzubilden sei, wurde teilweise kontrovers diskutiert. «Wir Migranten wollen sichtbarer sein», sagte Vića Mitrović, «man kann fast jedes Thema mit Migration aufladen, aber wir bekommen keine Plattform, um etwas Konstruktives zu sagen.» Cenk Korkmaz wehrte sich gegen eine vordergründige Repräsentation: «Ich möchte einen Türken im Fernsehen sehen – das ist doch eine oberflächliche Art von Identifikation.» Er sehe dann zwar jemanden, der aussehe wie er, «aber ich weiss gar nicht, wie viel ich mit dem gemeinsam habe.»
«Es muss möglich sein, eine gewisse Repräsentation in Redaktionen hinzubekommen»
Wenn Alexandra Pavlović als junge Journalistin einen Artikel mit ausländisch klingendem Autorennamen las, «dann hat mich das positiv berührt.» Auch heute noch fehle ihr manchmal im Redaktionsalltag die andere Sicht neben derjenigen «der Müllers und Siegenthalers». «Es muss möglich sein, eine gewisse Repräsentation in Redaktionen hinzubekommen», betonte Can Külahcigil.
Pragmatische Wahl des Passes
Die Diskussion hatte durchaus heitere Momente. Als Moderator Philipp Landmark vom Leitungsteam des Publikumsrats Can Külahcigil fragte, ob er mit dem Schweizer oder dem türkischen Pass als Sonderkorrespondent für SRF in die Türkei einreise, antwortete er: «Kommt darauf an, wo mehr Leute anstehen.» In dieser Stimmung lief die vielschichte Diskussion mit dem Publikum bei einem Apéro riche noch eine ganze Weile weiter.
Eindrücke
Zu den Autor:innen:
Eveline Hipeli ist Kommunikationswissenschaftlerin und Medienpädagogin und Mitglied des Leitungsteams Publikumsrat SRG.D.
Philipp Landmark ist Kommunikationsberater und Journalist und Mitglied des Leitungsteams Publikumsrat SRG.D.