Zwischen Alltag und Auswahl: Die neue Audiokultur
Radio läuft oft einfach mit, Podcasts werden gezielt ausgewählt. Für Christof Thurnherr vom Publikumsrat SRG.D zeigt dieser Unterschied, weshalb die beiden Formate keine direkten Konkurrenten sind. Im Dialogfenster «Audiokultur im Wandel» werden ihre unterschiedlichen Rollen im Service public genauer unter die Lupe genommen.
Der Publikumsrat beschäftigt sich dieses Jahr auch mit dem Thema Audiokultur. Weshalb gerade jetzt?
Christof Thurnherr: Der Publikumsrat hat die Aufgabe, den Dialog zwischen der Bevölkerung und den Programmschaffenden von SRF zu relevanten Themen zu ermöglichen. Die Idee für das Thema Audiokultur kam uns durch die Beobachtung der oft diskutierten aktuellen Trends: Der Radiokonsum nimmt ab, die Nutzung von Podcasts nimmt zu. Auf den ersten Blick könnte man daraus schliessen, dass Podcasts das Radio verdrängen.
Tun sie das?
Nach allem, was wir bisher sehen: nein. Unsere ersten Kontakte mit SRF wie auch mit der Bevölkerung zeigen, dass Radio und Podcast nicht in einem direkten Konkurrenzverhältnis stehen. Die beobachteten Trends sind eher als zeitgleiche Entwicklungen zu betrachten, die aber unterschiedliche Ursachen haben und deshalb nicht direkt zusammenhängen.
«Radio wird gebracht, Podcasts werden geholt»
Worin unterscheiden sich die beiden Formate aus Ihrer Sicht am stärksten?
Radio ist das klassische Begleitmedium, es läuft im Alltag mit. Radio sendet von sich aus und es wendet sich aktiv an das Publikum. Beim Podcast ist es genau umgekehrt: Die Hörenden suchen gezielt nach einem Podcast. Sie wählen ein Thema bewusst aus und laden eine Folge herunter oder streamen sie zu einem Zeitpunkt, der ihnen passt. Vereinfacht gesagt: Radio wird gebracht, Podcasts werden geholt.
Im Resonanzradar heisst es, Radio gebe vielen Menschen einen Rhythmus im Alltag. Ist das noch zeitgemäss?
Ja, dieses Bedürfnis nach einem Begleiter im Alltag ist nach wie vor gross. Das geht sehr deutlich aus den Marktforschungen der SRF-Abteilung Audience hervor: Trotz rückläufiger Zahlen, ist Radio immer noch sehr wichtig, die Nutzungszahlen sind um ein Vielfaches höher als selbst bei den beliebtesten Podcasts.
Podcasts bedienen demgegenüber oft spezifischere Interessen. Ist das eine Stärke?
Absolut. Podcasts können bestimmte Interessengruppen gezielt ansprechen und ein Thema vertiefter behandeln. Gerade dadurch, dass Podcasts bewusst gewählt werden, kann auf eine höhere Aufmerksamkeitsbereitschaft gezählt werden. Radio dagegen spricht eine breitere Gruppe an und erfüllt andere Bedürfnisse.
Eine Person schreibt in der Umfrage: «Ohne Radio würde ich weniger Entdeckungen machen.» Geht diese Zufälligkeit im Podcast-Zeitalter verloren?
In der digitalen Welt bekommen wir oft das zu sehen oder zu hören, was wir gesucht haben. Ein Beispiel für diesen Effekt sind die personalisierten «Feeds», die unseren Medienkonsum lenken. Das Radio erscheint diesbezüglich offener: Hier ist die Chance grösser, dass man auf ein Thema, eine Information oder eine Musik stösst, mit der man bisher noch keinen Kontakt hatte. Solche zufälligen Entdeckungen sind enorm bereichernd.
Podcasts sprechen eher Nischen an, Radio eher ein breites Publikum. Passt Podcasting überhaupt zum Service-public-Auftrag?
Ich bin der Meinung, dass Podcasts sehr wohl einen Teil eines zeitgemässen Service public ausmachen. Aber man muss sich genau überlegen, welche Rolle sie in der Gesamtheit des Service-public-Angebots spielen können und sollen. Podcasts haben eigene Gestaltungsmerkmale und leben von einer spezifischen Art der persönlichen Bindung zwischen Publikum und Host. Daneben sind sie zum Beispiel oft in eine Social-Media-Umgebung eingebettet, wodurch das Publikum direkt reagieren und teilweise Einfluss auf eine nächste Folge in einer Serie nehmen kann. Unser Ziel als Publikumsrat ist es, im Dialog zwischen SRF und der Bevölkerung den zeitgemässen Platz von Radio und Podcasts sichtbar zu machen.
«Die Aufgabe des Publikumsrats besteht darin, einen Dialog zwischen SRF und der Bevölkerung zu ermöglichen»
Wo steht das Dialogfenster aktuell?
Wir haben etwa das erste Drittel unseres Dialog-Konzepts realisiert. An der eröffnenden Online-Umfrage haben in der ersten Phase bis Mitte Mai über 200 Personen teilgenommen. Die Umfrage ist aber weiterhin offen. Dank eines zweiwöchigen Aufrufs auf den SRF-Radiokanälen haben wir viele Leute erreicht: Bis heute haben über Tausend weitere Personen teilgenommen. Darüber freuen wir uns sehr. Nun folgen Dialogveranstaltungen, an denen sich die Bevölkerung und die Programmschaffenden von SRF direkt und persönlich austauschen können. Eine erste solche Veranstaltung hat im Rahmen des Schaffhauser Jazzfestivals stattgefunden.
Was wird mit den Rückmeldungen des Publikums konkret passieren?
Die Aufgabe des Publikumsrats besteht darin, einen Dialog zwischen SRF und der Bevölkerung zu ermöglichen. Das ist das eigentliche Ergebnis der Arbeit des Publikumsrats. Zwar formulieren wir auch noch gewisse Empfehlungen, wie diese dann aber in die künftige Programmgestaltung einfliesst, bleibt den Programmmachenden von SRF überlassen. Die Umfrage dient dazu, SRF bei der Weiterentwicklung des Audioprogramms zu unterstützen und das Thema und die Fragen für den weiteren Austausch im Resonanzraum zu schärfen.
Umfrage «Audiokultur im Wandel»
Möchten auch Sie sich zum Thema «Audiokultur im Wandel» einbringen? Hier geht es zur Umfrage.