Resonanzradar #19: «Was bedeutet ‹Heimat›, und wer ist eigentlich ‹wir›?»

Was bedeutet es eigentlich heute, sich «in der Schweiz zu Hause» zu fühlen? Wer gehört zum gesellschaftlichen «Wir» – und wie gut gelingt es den Medien, dieses vielfältige «Wir» abzubilden? Mit diesen Fragen beschäftigte sich das Leitungsteam Publikumsrat der SRG.D mit dem Dialogfenster «Gemeinsam verschieden – gemeinsam Schweiz». Mehr als 500 Personen haben sich an der begleitenden Online-Befragung des Publikumsrats beteiligt und oftmals sehr umfangreiche und persönliche Antworten hinterlassen.

Über den Resonanzradar

Der «Resonanzradar» ist der Blog des Leitungsteams des Publikumsrats der SRG Deutschschweiz. In regelmässigen Abständen informiert es so zu Neuigkeiten und Erkenntnissen aus dem Resonanzraum.

Die ersten Ergebnisse der nicht-repräsentativen Online-Befragung zeigen ein spannendes Bild: Die meisten Befragten fühlen sich stark in der Schweiz zu Hause und erleben die Schweiz als vielfältige Gesellschaft. Deutlich zurückhaltender fällt dagegen die Einschätzung aus, ob die Medien die Bevölkerung in ihrer Vielfalt ausgewogen darstellen. Dabei zeigt sich auch: Repräsentation bedeutet für viele weit mehr als sichtbare Diversität. Die Menschen möchten ihre Region, ihren Alltag, ihre Themen, ihre Lebensrealität und unterschiedliche gesellschaftliche Perspektiven im Programm wiederfinden.

«Heimat heisst dazugehören»

Ein roter Faden, der sich durch viele Antworten zeigt, ist das Thema Zugehörigkeit. Heimat wird dabei vor allem mit Orten und Landschaften, dem Gefühl der Geborgenheit, Beziehungen, Erinnerungen, Sprache, Kultur oder gemeinsamen Werten in Verbindung gebracht. Aber auch, wie eine Antwort in der Umfrage zeigt, ein Ort, «wo ich als Schweizer mehr Rechte habe als Einwanderer.»

Gleichzeitig beschreiben Menschen aus ganz unterschiedlichen Gründen Situationen des Nicht-Dazugehörens: Manche nennen hier die eigene Herkunft, die Sprache oder Nationalität, andere politische und gesellschaftliche Wertekonflikte. Heimat ist offenbar «da, wo man die gesellschaftlichen Codes versteht.» Aber auch der Ort, «wo man die Freiheit hat, gegen den Strom zu schwimmen.»

Zugehörigkeit, so lässt sich bereits jetzt sagen, ist aber keineswegs nur ein Migrationsthema. Besonders interessant sind die unterschiedlichen Erwartungen an die Berichterstattung über das Thema Migration. Ein Teil der Befragten wünscht sich, dass Probleme und negative Folgen stärker von den Medien thematisiert werden. Andere vermissen positive Beispiele gelungener Integration oder Geschichten, in denen Menschen mit Migrationsgeschichte ganz selbstverständlich als Teil der Gesellschaft vorkommen, ohne einen «speziellen Anlass».

Verschiedene Aussagen bei freien Antworten machen das deutlich. «Wenn ich mein Land nicht wirklich hätte verlassen müssen, wäre ich nicht hierhergekommen. Es war eine Notwendigkeit. Und eine Rückkehr ist unmöglich. Wenn die Menschen das wüssten, hätten sie vielleicht mehr Verständnis», schreibt eine Person in der Umfrage, und eine weitere: «Ich würde mir wünschen, dass thematisiert wird, wie hart viele Migranten arbeiten, um diesem Land nicht zur Last zu fallen. Ich bin ein Flüchtling, der nachts zu 60 Prozent arbeitet, tagsüber zusätzlich einen Nebenjob ausübt und nebenbei noch ein Vollzeitstudium der Rechtswissenschaften absolviert.»

«Falsche Migranten»

In den Antworten spiegeln sich die sehr unterschiedlichen Perspektiven auf Migration, denn einige Teilnehmer finden, SRF müsse darüber berichten, «dass die Umsetzung unserer Gesetze nicht erfolgt und damit die falschen Migranten in unserem Land verbleiben.» Oder sie denken pauschal: «Die Probleme werden, speziell bei SRF, unter den Teppich gekehrt oder ad absurdum geführt. Zum Beispiel Probleme mit Kriminalität, Wachstumsdruck oder kulturellem Zerfall.» Demgegenüber fordert jemand anderes:, SRF solle «nicht nur auf wenige Kriminelle fokussieren: Aus meiner Sicht müsste man viel mehr aufzeigen, was vor allem ausländische Menschen in unserem Land leisten und dazu beitragen, dass es uns so gut geht.»

Hinter diesen gegensätzlichen Positionen steht häufig ein und derselbe Wunsch: eine ausgewogene Darstellung der Realität durch die Medien. Nur darüber, was zu dieser Realität gehört und was bislang zu wenig sichtbar ist, gehen die Vorstellungen auseinander. Eine wichtige Aufgabe kann deshalb für SRF darin liegen, unterschiedliche und auch widersprüchliche Lebensrealitäten sichtbar zu machen, einzuordnen und Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, ganz im Sinne einer anderen Antwort: «Mangelnde Begegnung ist das grösste Hindernis für ein vielfältigeres Miteinander. Wenn hier SRF einen Beitrag leisten könnte, wäre das enorm hilfreich.»

Die Befragung liefert noch weitere Erkenntnisse zu Heimat, Migration, Vielfalt, Zusammenhalt und medialer Repräsentation. Der ausführliche Schlussbericht zum Dialogfenster «Gemeinsam verschieden – gemeinsam Schweiz» wird voraussichtlich Ende 2026 publiziert werden.

Möchten Sie mehr über den Resonanzraum und die Dialogfenster erfahren? Dann am besten gleich beim Resonanzraum virtuell reinschauen, anmelden und informiert bleiben.

Zu den Personen

Eveline Hipeli ist Kommunikationswissenschaftlerin und Medienpädagogin und Mitglied des Leitungsteams Publikumsrat SRG.D.

Philipp Landmark ist Journalist und Kommunikationsberater und Mitglied des Leitungsteams Publikumsrat SRG.D.

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