Werner van Gent
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Werner van Gent: «Die Unabhängigkeit muss in den Köpfen beginnen»

Vor zehn Jahren sah es noch so aus, als wolle die SRG keine
eigenen Ausland­korrespondenten mehr beschäftigen. Heute brüstet sich das Unternehmen mit der hohen Qualität der
Hintergrundberichte. Ein Gespräch mit Werner van Gent über die ­Entwicklung seines Berufsstandes.

– Interview: Oliver Schaffner

LINK: Schweizer Fernsehen sei staatsnah und unkritisch, ging der PR-Berater Klaus J. Stöhlker hart ins Gericht. Wie staatsnah erleben Sie das Haus SRF?
Werner van Gent: Ich bin laufend mit ­vielen Menschen unterwegs und höre ­öfters, das Schweizer Fernsehen sei links, sei brav. Aber wo denn? Gut, es gibt einen Zwang zur Ausgewogenheit, dann aber auch – wie überall – gute und schlechte Journalisten. Im Vergleich mit deutschen, holländischen oder griechischen Medien ist SRF ziemlich hoch positioniert, was Qualität betrifft. Ich sehe mir jeden Tag ­SRF-Sendungen an und finde, Staatsfernsehen ist das gar nicht und brav auch nicht.

Die Vereinsform der SRG garantiert eine gewisse Unabhängigkeit vom Staat. Wie sieht das andernorts aus? Wie bekommt man als Journalist Staatsnähe von Medien zu spüren?
Schlimmer als Staatsnähe habe ich den ­vorauseilenden Gehorsam bestimmter Mainstream-Verfechter in den Redaktionen erlebt. Die Unabhängigkeit muss – das ist mein Fazit – nicht nur institutionell abgesichert, sondern auch in den Köpfen der Redaktorinnen und Reporter vorhanden sein.

«Die Unabhängigkeit muss – das ist mein Fazit – nicht nur institutionell abgesichert, sondern auch in den Köpfen der Redaktorinnen und Reporter vorhanden sein.»

Vor zwei Jahren am Journalistentreffen in Alt-Epidaurus betonten Sie: «In der Schweiz werden anspruchsvolle Qualitätsproduktionen von einem erstaunlich grossen Publikum aufgenommen, egal ob diese Produktionen im Fernsehen, im Radio, in den Zeitungen und zunehmend auch auf Plattformen im Internet erscheinen.» Ticken Schweizer Medienkonsumenten anders?
Gutes Fernsehen und gutes Radio hat in der Schweiz eine sehr lange Tradition. «Rendez-vous», «Tagesgespräch» und «Echo der Zeit» sind immer noch die drei Radioflaggschiffe. Auch im Fernsehen ­sorgen die «Tagesschau» oder ausführliche Reportagen für hervorragende Einschaltquoten, von denen etwa deutsche Medien nur träumen können.

Dennoch, wir werden zunehmend mit ­Informationen auf allen Kanälen über­flutet. Wie lange hat das Publikum noch Zeit, Lust und Raum für ausführliche Hintergrundinformationen?
Ich finde es bedauerlich, wenn man diese Zeit nicht mehr findet. Einen Hintergrundbericht von zwei Minuten Länge zu erstellen, das geht jedenfalls nicht. Wir disku­tieren das auch jedes Jahr beim Treffen der Schweizer Nahostexperten. Wenn das ­Publikum wünscht, sich im Stil von «20 Minuten» zu informieren, ist die Hintergrundinformation in Gefahr. Damit wird sie elitär, in dem sie zunehmend nur noch in renommierten Bezahlmedien wie der «NZZ», dem «Economist» und anderen zu finden sein wird.

«Wenn das Publikum wünscht, sich im Stil von ‹20 Minuten› ­zu informieren, ist die Hintergrundinformation in Gefahr.»

Sie stellen also einen Wertewandel Ihres Berufsstandes fest?
Ja und zwar schon seit Längerem. Vor etwa zehn Jahren wurde innerhalb der SRG ­heftig darüber diskutiert, ob man Auslandkorrespondenten überhaupt noch braucht, oder ob nicht auch Agenturmeldungen genügen. Das war der Zeitpunkt als ich mein Reisebüro gründete, denn ich wusste nicht, ob ich in Zukunft noch vom Journalismus leben konnte. Doch das Blatt hat sich wieder gewendet. Ganz aktuell erkennt man den Wert eigener Auslandkorrespondenten an der Ukraine-Krise. An diesem Ereignis, das unerwartet und plötzlich aufgetreten ist, zeigt sich nämlich, ob die Öffentlichkeit informiert werden kann oder nicht. Wenn man zu den aktuellen ­Ereignissen ohne Vorkenntnisse hingereist wäre, hätte man schlecht berichtet. Und es hat viele schlechte Beiträge von sogenannten Fallschirm-Journalisten gegeben, also von Journalisten, die so auf die Schnelle an den Ort des Geschehens entsandt werden. Ihnen fehlt das Basiswissen zu Analysen und ­Beurteilungen der Lage.

Ist Twitter eine schnell verfügbare ­Informationsquelle?
Es gibt viel zu viele Twitterer, wer soll das alles ordnen? Ich informiere mich mehr durch Blogs, da gibt es ein paar gute und wichtige. Aber um zu beurteilen, ob ihre Inhalte verlässlich sind, brauche ich wiederum mein Basiswissen, das ich mir vor Ort über die Jahre angeeignet habe.

«Es gibt viel zu viele Twitterer, wer soll das alles ordnen?»

Sie leisten harte und teilweise gefährliche Knochenarbeit. Gibt es Sonder­zuschläge für brenzlige Aufträge?
Nein, Risikozuschläge gibt es keine.

Haben Sie schon eine Risikosituation erlebt?
Ja, 2003 berichteten wir aus dem Nordirak. Mangels Übertragungsmöglichkeiten mussten wir unsere Reportage nach ­Bagdad bringen. Auf der Fahrt dorthin gerieten wir in einen Hinterhalt mit Schusswechsel. Das Erlebnis war für mich so einschneidend, dass ich seither keine Kriegsberichterstattung mehr mache.

Wie hat sich das Berufsbild in den ­letzten 35 Jahren verändert?
Das Tempo. Begonnen hatte ich mit der Berichterstattung für Zeitungen. Damals benötigte man sehr viel Zeit, um an Basisinformationen zu gelangen und den fertigen Bericht zu übermitteln. Zeitungen gab es nur vor Ort, sie konnten noch nicht im Internet abgerufen geschweige denn auf dem Tablet gelesen werden. Erst Ende der 80er Jahre kamen Computer auf. Mit ihrem Einzug wurde dann die Informationsbeschaffung und -verbreitung zunehmend einfacher und schneller. Inzwischen ist die Menge an ­verfügbaren Informationen ­gigantisch und unübersichtlich geworden.

Wird der freie Journalist überleben?
Der Beruf ist heute in Gefahr. Freie Jour­nalisten werden derzeit vor allem als ­Manövriermasse eingesetzt. Der finanzielle Druck, der auf den Redaktionen lastet, wirkt sich direkt auf die Aufträge der ­freien Journalisten aus. Die SRG ist aber bis heute eine löbliche Ausnahme, hält sie doch am erwähnten Qualitätsbewusstsein fest.

Interview: Oliver Schaffner

Bild: Thomas Züger


Hinweis: Weitere Berichte über die SRF-Auslandkorres­pondenten auf «SRG Insider»: www.srginsider.ch > Behind the Scenes


Zwischen Orient und ­Okzident –
Werner van Gent referierte in Schaffhausen

Das Gespräch mit Werner van Gent fand im Rahmen des Vortrags ­«Brennpunkt ­östliches Mittelmeer» statt. Nach den Grosserfolgen mit Jens Korte und Barbara Lüthi sorgte auch van Gent Anfang März für ­einen vollen Saal in Schaffhausen. In ­Kooperation mit der Schaffhauser Vortragsgemeinschaft organisierte die SRG Zürich Schaffhausen zum dritten Mal einen öffentlichen Vortrag mit einem Auslandkorrespondenten von Schweizer Radio und ­Fernsehen (SRF).

Werner van Gent, der gebürtige Holländer mit dem markanten Akzent, ist einer der beliebtesten Auslandkorrespondenten – und ein profunder Kenner der Kulturen und politischen Systeme zwischen Orient und Okzident. In seinem Referat «Brennpunkt östliches Mittelmeer» nahm er das Publikum mit auf eine abenteuerliche und lehrreiche Rundreise durch sein «van-Gent-Land» – wie es Moderator Matthias Wipf ankündigte: Griechenland, Türkei, Zypern, Syrien, Ägypten und Iran. Ob Arabischer Frühling, Syrien-Konflikt oder die Auseinandersetzungen um die Halbinsel Krim, van Gent warnte vor Vorurteilen und ­Kategorisierungen in Gut und Böse.Wichtiger sei die Analyse beider Seiten, so dass man die Ursachen und Zusammenhänge ver­stehen lerne.
os


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