Der Grand Slam der Demokratie
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Der Grand Slam der Demokratie

«Man muss ja schon bescheuert sein, um eine zwölfstündige ­Sendung zu schauen. Zwölf Stunden politisches Dschungelcamp, zwölf Stunden Zahlen, Zahlen, Zahlen, zwölf Stunden Claude ­Longchamps Fliege. Also fasste ich einen Plan. Erstens: heraus­finden, wieso man eine Zwölfstundensendung zu den Wahlen macht. Zweitens und ganz bescheiden: die tiefe Wahlbeteiligung retten.

So stand ich also am Wahlsonntag im Eingangsbereich des Fernsehstudios, mein ausgefülltes Wahlcouvert griffbereit in der ­Tasche. Schon traten die ersten Probleme auf: Nirgends fand ich den Wegweiser ‹Zur Wahlcouvertsammelstelle›. So schwer kann’s ja nicht sein, also lief ich drauflos. Plötzlich fauchte mich ein ­bissiges ­Kamerarudel böse an. Männer und Frauen standen um die Tiere herum, andere hielten lange Kabelstränge, wieder andere ver­sanken in Bildschirmen. Und dann sah ich ihn: den Altar der ­Demokratie, die zusammengeschraubte und verklebte Eid­genossenschaft, der in Holz gepresste Rütlischwur: Susanne Willes ­Moderationspult. In Gedanken sah ich sie die neusten Zahlen ­vorlesen: ‹Die SVP legt im Nationalrat um 2,8 Prozent zu. Halt, da fehlt noch eine Stimme›. Nun reisst sie theatralisch mein Wahlcouvert auf, um ihm die entscheidende Stimme zu entnehmen.

Ich mag Theatralik nur an meiner eigenen Be­erdigung und ausserdem passte das Wahlcouvert so nicht zum Studiodesign, also liess ich es bleiben. Erneut wandelte ich durch den leutschenbachschen Irrgarten, kratzte hie und da an einem ­SRF-Logo – ob da noch irgendwo DRS stand? Stand nicht, dafür prangte weiss auf schwarz ­‹Regie›. Hier also liegt das Epi­zentrum der ­Sendung. Hier müssen doch auch irgendwo die Wahlknöpfe sein, für jede Partei einer. Wenn man nur genügend oft auf den richtigen Knopf drücken könnte … Bis zu den Knöpfen kam ich nicht, ­wieder liefen viele emsige Mitarbeiter umher. Sie knöpfelten und schieberten auf ­ihren Pulten herum, zähmten die Kameras und lieferten aus dem kalten Studio ein warmes ­Signal ins traute Heim. Demokratie scheint ja ziemlich anstrengend zu sein, so ­viele Menschen und keiner langweilt sich.

Und trotzdem: Wieso macht man das? Dann hörte ich jemanden fragen: ‹Hast du den Tennismatch letzte Nacht gesehen?› Ach nö – mein erster Gedanke – einer dieser Wahnsinnigen, die die halbe Nacht damit verbringen, einen Ball hin- und herwackeln zu sehen. Das kann ich ja am nächsten Morgen auf meinem Smartphone nachschauen! Wäre mein (nichtexistierender) Theatral­lappen im Hippocampus eingeschaltet gewesen, hätte wohl eine Lampe gross wie eine Kuhglocke aufgeleuchtet. Frage eins: check. Die Wahlsendung ist einfach ein riesiger Tennismatch! Da wird ­gekämpft, gepfiffen, analysiert, die freudigen Sieger ­werden gezeigt und die herabhängenden Gesichter der ­Verlierer ­interviewt. Was wir hier sehen, ist das Finale ­eines vier Jahre dauernden ­Turniers! Der Grand Slam der Demokratie! Gut, jetzt muss ich nur noch mein Wahlcouvert loswerden …»

Text: Simon Huwiler: 26 Jahre alt aus Luzern, ­Studium Journalismus und Organisations­kommunikation an der ZHAW in Winterthur, Mitglied der Begleitgruppe SRG Insider. Hat am Projekt «Hinter den Zahlen – die Wahlen bei SRF» mitgewirkt.
Bild: Ursula Zimmermann, Simon Huwiler

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