«Die nicht ganz weisse Carte blanche»
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«Die nicht ganz weisse Carte blanche»

Andreas Schefer, Präsident der SRG Deutschschweiz, über die Spartenprogramme und die Musikwelle.

Weiss ist bekanntlich keine Farbe, und dennoch gibt es Weiss in verschiedenen Nuancen. Diese Carte blanche erscheint nicht in einem blütenreinen Weiss. «Könntest du nicht etwas über die Entscheide der nationalrätlichen Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen, kurz KVF-N, zur SRG schreiben?», mit diesem Anliegen gelangte der kulturtipp an mich und stellte mir diese Carte blanche zur Verfügung. Blütenreines Weiss wäre ein ungestümer Kommentar zu den diversen Beschlüssen der Kommission: etwa zur gewünschten Reduktion der Radio-Spartensender, «die keinen eigentlichen Service-public-Auftrag wahrnehmen» (KVF-N). Oder «zu einem Bericht über die Doppelspurigkeiten zwischen den SRG-Regionaljournalen und den Nachrichten der privaten Radiosender» (nochmals KVF-N). Dieser Kommentar wäre vielleicht süffig und knackig, würde aber gegen den SRG-Grundsatz verstossen, Vorstösse einer parlamentarischen Kommission zuhanden des Parlaments, des Bundesrats und der Verwaltung nicht zu kommentieren. Als Präsident der SRG Deutschschweiz und als Verwaltungsrat der SRG SSR halte ich mich daran, nutze aber die Gelegenheit gerne, die von der KVF-N diskutierte Thematik mit einigen Fakten zu unterfüttern.

Beispiel Musikwelle

Die Musikwelle ist kein Spartenprogramm, sondern ein «General Interest»-Vollprogramm, eingebettet in die Musik, die nicht nur, aber vor allem den Älteren besonders gefällt. Die Musikwelle erinnert an frühere Beromünsterzeiten und bringt einen attraktiven Mix von volkstümlicher Musik, Quiz, Marschmusik, Gratulationen, Hörspielklassiker, Operetten sowie News und Infosendungen ins Haus. Ich habe kürzlich innerhalb von wenigen Tagen zweimal eine praktisch identische Situation erlebt: zuerst in einer Beiz im Appenzeller Vorderland, ein paar Tage später in einem Restaurant im Berner Oberland. Thema am Nebentisch: Die Musikwelle ist in Gefahr. Aufgebrachte Volksmusikfans im Alter von 25 bis weit über 80 Jahren waren voller Zorn über «diä Souchöge z’Bern», über die «studierten Medienpolitiker» und «die Totengräber unserer Volkskultur». Selbst nüchtern betrachtet: Das Programm ist eine Erfolgsgeschichte und erreicht mit einem Anteil von über 40 Prozent Schweizer Musik täglich mehr als 400 000 Hörerinnen und Hörer. Das ist eine Dienstleistung für die Öffentlichkeit, das ist Service public.

Beispiel Virus

Die Betrachtung von SRF Virus fällt – ich bitte um Nachsicht – subjektiv aus, durfte ich doch dieses Programm Ende der 1990erJahre zusammen mit François Mürner aufbauen. Der Anteil der Schweizer Musik liegt bei rund 53 Prozent. Ohne dieses Radio für die Jungen würde die Schweizer Musikbranche verlieren. Kommt hinzu, dass Virus für die schweizerische audiovisuelle Welt als «Versuchslabor» und zweifache Talentschmiede von grossem Nutzen ist. Zweifache Talentschmiede? Es gibt so etwas wie eine externe und eine interne Talentschmiede: Für die meisten der jungen Schweizer Kulturschaffenden in den Bereichen Rap und Rockkultur ist SRF Virus die erste Station, die sie überhaupt spielt. Und dann: Wussten Sie, wo zum Beispiel Mario Grossniklaus und Angélique Beldner-Wälchli («Tagesschau»), Caroline Lüchinger (Radio SRF 2 Kultur), Franziska von Grünigen («Nachtwach») oder Anic Lautenschlager (Radio SRF 3) ihre radiofonen Sporen abverdient haben? Bei Virus. Virus auf die Musik und auf Köpfe allein zu reduzieren, würde dem Programm nicht gerecht. Radio SRF Virus erbringt täglich in auch für Junge erträglichen Portionen Nachrichten- und Informationsleistungen zu Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Daneben bietet die Sendung «Virus Kompass» Orientierung zu Bildung, Arbeit, Joballtag und Lebensträumen. Mit diesem Angebot erhält auch ein jüngeres Publikum, das nicht primär an politischen Themen interessiert ist, relevante und hochwertige Informationen. Das ist Service public.

Beispiel SRG-Spartensender

Die Rede sei hier von den Radios Swiss Pop, Swiss Jazz und Swiss Classic. Den drei Programmen ist mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick meinen könnte: Der Anteil Schweizer Musik liegt bei über 30 Prozent. Für die Schweizer Musikschaffenden sind diese Programme auch ein kleines Fenster zur Welt, da sie ein internationales Publikum haben. Die Reichweiten sind beeindruckend: So erreicht Swiss Pop ohne UKW-Frequenzen täglich 330 000 Hörerinnen und Hörer. Anders gesagt: Swiss Pop, Swiss Jazz und Swiss Classic sind sehr gut genutzte, werbefreie Minderheitenprogramme. Das ist Service public.

Beispiel SRF-Regionaljournale

Und schliesslich die Regionaljournale. Wie gesagt: Die KVF-N möchte also einen Bericht über die Doppelspurigkeiten zwischen den Regionaljournalen und den Nachrichten der privaten Radiosender. «Doppelspurigkeiten»…Wirklich? Ich bin noch immer nicht ganz sicher, ob der nationalrätlichen Kommission hier nicht ein Verschreiber unterlaufen ist. Irgendwann wird diese offene Frage geklärt werden. Jedenfalls geht es um Angebots- und somit auch um Meinungsvielfalt. Die Regionaljournale faszinieren mich seit 35 Jahren. 1982 ermöglichte mir das Ostschweizer Regionaljournal die ersten radiojournalistischen Gehversuche, 2017 liefern mir die Sendungen aus Bern, Basel, Zürich, St. Gallen, Luzern und Aarau mehrmals täglich die mit Abstand qualitativ besten Infos aus Gemeinden, Regionen und Kantonen. Und weniger schwärmerisch und mehr medienpolitisch betrachtet: Ohne die «Regis» hätten wir in einigen Regionen der Deutschschweiz faktisch Monopole. Jetzt haben wir Vielfalt. Auch das ist Service public.

Radio: Emotion pur

Die Beschlüsse der KVF-N sorgen nicht nur, wie erwähnt, im Appenzeller Vorderland und im Berner Oberland für rote Köpfe. Auch in den Social Media geht die Post ab. Beispiel Facebook: Seit Mitte Februar wird kommentiert und diskutiert, zuweilen auch hoch emotional («Blinder Hass gegen die SRG», «Verarschung der ältesten RadiohörerInnen», «Niedrigste Profit-Interessen»). Radio ist nun mal ein emotionales Medium. Neben den verständlichen Emotionen sollten die Fakten nicht ganz untergehen. Denn (auch) die Fakten sprechen eine klare Sprache: für die Musikwelle, für Virus, für die SRG-Spartensender, für die Regionaljournale – für die SRG.

Text: Andreas Schefer für Kulturtipp

Bild: Thomas Züger

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  1. Bernhard Vögeli 19.03.2017 15:20

    Ich werde den Eindruck nicht los, dass in der KVF einige lediglich ihr eigenes Süppchen kochen wollen. Ohne Regionaljournale wäre in einigen Regionen das Monopol für bestimmte Verleger über regionale Themen vorhanden. In der Berichterstattung muss(!) es mehrere "Kanäle" geben. Das sind keine Doppelspurigkeiten. Völlig verkannt wird die Bedeutung der "Spartenradios". Wenn deren Höhrer auf ausländische Internetradios ausweichen würden, hätte das Folgen für Kulturschaffende und für die Schweizer Politik. Wer auch noch ans Geld denkt, dem sei gesagt, dass Abogebühren wohl vorallem ins Ausland gehen würden.

  2. Prisca Steiner 21.03.2017 22:12

    SRF 1 wie auch die Musigwelle, beides gute Sender, aber bitte nehmt Herr Michael Brunner bei SRF und Frau Christine Gertschenbei der Musigwelle, vom Mikrofon weg. Ihr starkes Walliserdeutsch ist nicht anzuhören. Bei Sendungen mit Herr Brunner oder Frau Gertschen bleibt das Radio bei mir stumm. Ihr habt doch so gute Sprecher, wie Herr Siegenthaler, Herr Küpfer, Herr Stoller usw. usw. Ich hoffe, dass auch Herr Tomi Schärer wieder kommt. Ich wünsche ihm gute Besserung.