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«Die SRG steht in der Pflicht, sich zu erklären»

Der «Medienclub»-Moderator, Franz Fischlin äussert sich zur Service-public-Debatte. Im Gespräch mit persoenlich.com fordert er seine Arbeitgeberin zu mehr Empathie für die Privaten auf. Allerdings stünden auch letztere in einer Bringschuld.

Herr Fischlin, Journalisten monieren oft, dass sich das Publikum nicht für Medienthemen interessiert. Stimmt das?
Nein, im Gegenteil: Bei den bisher sieben «Medienclub»-Sendungen konnte ich beim Publikum eine grosse Dankbarkeit spüren, dass wir ein Gefäss für Medienthemen respektive Medienkritik geschaffen haben. Diese wurde in den letzten Jahren in vielen Medien schrittweise zurückgefahren. Dies steht meiner Meinung nach klar im Widerspruch zur Wichtigkeit der Medien und deren Entwicklung, für die es grossen Erklärungsbedarf gibt.

Es braucht also wieder mehr Medienkritik in der Schweiz?
Absolut. Wenn diese Medienkritik kontinuierlich stattfinden würde, dann könnte sie auch von den Journalisten selber besser akzeptiert werden. Momentan wirkt die Medienkritik manchmal etwas willkürlich: Einzelne Artikel oder auch Sendungen werden zwar kommentiert, aber über Medienmechanismen, Medienentwicklungen oder auch über den Qualitätsbegriff wird noch zu wenig diskutiert. Rund um das Stichwort «Fake News» ist die Diskussion allerdings wieder in Gang gekommen.

Wie reagieren Journalisten auf die Medienkritik im «Medienclub»?
Es sind lebendige Debatten. Teilweise auch emotional geführt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wir Journalisten es nicht so gewohnt sind, wenn mit unseren Produkten und unserer Arbeitsweise kritisch umgegangen wird. Und dies noch live, öffentlich und vor einem grösseren Publikum.

Haben Sie eine Erklärung dafür?
Es hängt wohl stark mit der zunehmenden Geschwindigkeit zusammen, mit dem Produktions- und Zeitdruck. Journalistinnen und Journalisten sind vor allem mit der Produktion von Inhalten beschäftigt. Sich Zeit zu nehmen, das eigene Schaffen sorgfältig zu reflektieren, scheint hingegen eher zu fehlen. Da schliesse ich mich durchaus auch mit ein. Mit dem «Medienclub» will ich klar sagen: Wir Journalisten sollten nicht nur machen, sondern unser «Machen» auch hinterfragen.

«Wir berichten ausgewogen über alle Parteien. Journalistische Haltung hat nicht mit einer parteipolitischen Haltung zu tun. Und eine journalistische Haltung, finde ich, muss man haben.»

Bei der Sendung «Service Public: SRG im Gegenwind» vom 10. Januar dieses Jahres haben Sie auch Ihren obersten Chef Roger de Weck kritisch befragt. Hatten Sie davor keine Angst?
Im Gegenteil: Hätte man mir nach der Sendung vorgeworfen, ich wäre mit ihm – nur weil er mein Chef ist – pfleglicher umgegangen, hätte ich etwas falsch gemacht. Meine Aufgabe beim «Medienclub» sehe ich nicht darin, die SRG zu verteidigen, sondern ich fühle mich als unabhängiger Gastgeber einer Diskussion über Journalismus. Befrage ich SRG-Verantwortliche nicht genauso kritisch wie andere Gäste, ist die Glaubwürdigkeit der Sendung verloren. Komplette Unabhängigkeit ist beim «Medienclub» zentral. Ich bin zudem dezidiert der Meinung, dass die SRG in der heutigen Zeit genug Empathie für die schwierige Situation der privaten Medien aufbringen müsste. Tun wir das nicht, wird sich die Kluft zwischen der SRG und den Privaten noch vergrössern.

Hat diese Empathie bisher gefehlt?
Historisch war es so, dass die SRG für die Schweiz eine Selbstverständlichkeit war – für die Mitarbeiter, die Medienlandschaft und das Publikum. Diese Rolle hat sie heute nicht mehr. Angesichts des Spardrucks überall und der immensen technologischen Entwicklungen ist nichts mehr selbstverständlich. Ich finde, die SRG, welche Gebührengelder erhält, steht in der Pflicht, sich zu erklären: Wir müssen sagen, was wir machen und warum wir was tun. Diese Transparenz ist wichtig. Das zeigen auch Rückmeldungen des Publikums.

Im Herbst können Interessierte im Rahmen der «Hallo SRF!»-Publikumswoche am Programmbetrieb mitwirken (persoenlich.com berichtete). Ist dies ein Beispiel, um diese Transparenz zu schaffen?
Bei der «Hallo SRF!»-Publikumswoche geht es primär um die Erwartungen und Vorstellungen des Publikums. Wie gestaltet es Radio und TV, wenn es die Gelegenheit dazu hat. Aber natürlich können wir den Menschen dabei auch einen Blick hinter die Kulissen gewähren und unsere Arbeits- und Denkweise näherbringen. Und das ist wichtig, denn, wenn ich zum Beispiel im direkten Gespräch erkläre, dass wir bei der Terrorberichterstattung seit Längerem schon bewusst keine Bilder der Täter mehr zeigen und auch ihre Namen nicht nennen, dann ernte ich von den Zuschauern oft ein erstauntes «Aha, das macht ihr? Das haben wir gar nicht gewusst».

Sie setzen sich für die Wiedereinführung von Kommentaren ein. Nebst jenen über das eigene Schaffen meinen sie auch solche von Korrespondenten über Ereignisse. Gibt es dafür einen Auslöser?
Die Grundüberlegung ist die, dass sich das Publikum nebst der reinen Information auch eine Einordung der Geschehnisse wünscht. Entscheidend ist aber, dass eine klare Trennung zwischen den Nachrichtenbeiträgen und den Kommentaren besteht – so wie das beispielsweise ARD und ZDF in Deutschland oder die Schweizer Print- und Onlinemedien tun. Nachrichten und Kommentare dürfen nicht vermischt werden.

Wie sieht der Stand diesbezüglich aus?
Also ich bin nur ein kleines Rädchen im Getriebe...(lacht). Das ist meine persönliche Meinung, allerdings bereits schon seit längerer Zeit. Als die Kommentare vor vielen Jahren abgeschafft worden waren, fand ich das extrem schade. Beim Radio war aber jüngst von Chefredaktorin Lis Borner im Fall Jegge ein Kommentar zu hören. So könnte ich mir das auch fürs Fernsehen vorstellen.

Es könnte im Kontext der Abstimmung über die No-Billag-Initiative auch ein Risiko sein.
Ja, gerade wenn der Ausgang einer eidgenössischen Abstimmung kommentiert würde – der vorherige Chefredaktor Ueli Haldimann tat dies – exponiert man sich natürlich mit einer gewissen Meinung. Handkehrum: Warum soll das nicht möglich sein? Wenn es regelmässig Kommentare gäbe, würde sich zeigen: Parteipolitisch ist SRF nicht einzuordnen. Dass die SRG links sei, ist falsch. Wir berichten ausgewogen über alle Parteien. Journalistische Haltung hat nicht mit einer parteipolitischen Haltung zu tun. Und eine journalistische Haltung, finde ich, muss man haben.

Mit journalistischer Haltung meinen Sie die Unabhängigkeit sowie die Ausgewogenheit der Berichterstattung?
Genau. Und dazu gehört auch, offen, neugierig und kritisch zu sein.

Was halten Sie dann vom Vorwurf des No-Billag-Mitinitianten Oliver Kessler, die SRG sei zu wenig staatskritisch?
Das erachte ich als schlicht falsch. Unser Ziel ist, alle gleich zu behandeln. Wenn alle unzufrieden sind, haben wir einen guten Job gemacht (lacht). Nicht gut wäre, wenn eine Partei oder auch der Bundesrat hundertprozentig mit unserer Arbeit zufrieden wäre. Kürzlich gerade brachte die «Rundschau» einen kritischen Beitrag über die Verwaltung. Wir haben auch die Rücktrittsankündigung von Bundesrat Burkhalter kritisch analysiert. Weitere Beispiele wären die Steueroptimierungsdiskussion über Johann Schneider-Ammann oder die Flüchtlingspolitik von Simonetta Sommaruga. Unser Privileg ist die Unabhängigkeit – von der Wirtschaft, Regierung und den Kulturinstitutionen. Verpflichtet sind wir dem Publikum.

Über die No-Billag-Initiative wird wohl im nächsten Jahr abgestimmt. Befürchten Sie eine Annahme?
Grundsätzlich glaube ich, dass die SRG für den Zusammenhalt der Schweiz und die Demokratie enorm wichtig ist und hoffe, dass das möglichst viele Menschen auch so sehen. Die Initiative hat aber auch etwas Positives: Sie gibt uns von der SRG die Möglichkeit, unser Schaffen zu erklären und so zu legitimieren.

Müsste sich die SRG denn stärker legitimieren?
Transparenz herstellen, das ist uns ein grosses Anliegen. Wir können nicht genug erklären, was uns ausmacht, worin wir uns auch gegenüber den Privaten unterscheiden. In allen Bereichen: Information, Unterhaltung, Sport.

Können Sie ein Beispiel machen?
Nehmen wir die Informationssendungen. Da kann man den Menschen erklären, schaut, bei SRF leisten wir uns bei der Auslandberichterstattung ein weltumfassendes Korrespondentennetz in Radio und Fernsehen. Es sind Journalistinnen und Journalisten, die vor Ort recherchieren, hinterfragen und auch immer aufzeigen, welche Auswirkungen Entwicklungen im Ausland auf die Schweiz haben.

Netflix oder Pay-TV stellen aber durchaus eine Herausforderung für die SRG dar. So angelte sich Teleclub die Rechte an der Champions League.
Klar. Wir müssen ernst nehmen, dass sich der Fernsehkonsum vieler Menschen mit Netflix verändert hat. Da müssen wir schauen, dass wir bestehen können. Das wird aber auch gemacht. Wir tüfteln intensiv an Neuem. Für uns von der Information ist zum Beispiel wichtig, dass wir vor allem auch junge Leute weiterhin mit dem Nachrichtenangebot erreichen können. Was uns aber hierbei gegenüber den Privaten unterscheidet, ist die Unabhängigkeit von der Einschaltquote. Wir sind von einem Service-Public-Ansatz geleitet: Wir können es uns auch leisten, eine Minderheit zu bedienen. Und ist diese weniger wert als die Mehrheit?

Die Fernmeldekommission des Nationalrats will wissen, wie sich Einsparungen von 300 beziehungsweise 550 Millionen Franken bei der SRG auswirken würden. Könnte die SRG ihr heutiges Angebot mit diesen Abstrichen aufrechterhalten?
Das ginge sicher nicht. Die Qualität würde leiden. Was aber klar ist: Die Annahme der No-Billag-Initiative würde «No SRG» und somit auch «No SRF» bedeuten. Denn ohne Gebühren gibt es keine Programme und ohne Programme gibt’s auch keine Werbung.

«Die Annahme der No-Billag-Initiative würde «No SRG» und somit auch «No SRF» bedeuten.»

SRG-Gegner fordern das Subsidiaritätsprinzip: Die SRG soll nur das produzieren, was nicht bereits vom Markt hergestellt wird. Erst kürzlich wurde im Nationalrat eine parlamentarische Initiative angenommen, die in diese Richtung geht
Dieses Prinzip ist in der Praxis sicherlich schwierig zu definieren. Und diesbezüglich – denke ich – sind die Privaten auch in der Bringschuld: Sie sollten aufzeigen, welche Produktionen sie nicht nur realisieren möchten, sondern auch könnten. Viele Sendungen oder Übertragungen würden für Private schlicht und einfach nicht rentieren. Zum Beispiel die «Tagesschau».

Woher kommt es, dass Sie sich so stark für die Medienkritik und -ethik einsetzen?
Ich vermute, das hängt damit zusammen, dass ich in meiner beruflichen Laufbahn nicht «nur» bei der SRG war. Ich habe bei privaten Radio- und Fernsehstationen gearbeitet, auch für Zeitungen. Und ich sehe heute noch in viele andere Bereiche hinein, tausche mich mit Kollegen vom Print und den Privaten aus, bei meiner Vorstandstätigkeit beim Verein «Qualität im Journalismus» oder auch in der CNN-Award-Jury. Mir war es immer ein Bedürfnis, zu hören, wie es meinen Berufskollegen geht. Ich finde es zudem spannend, wie sich die Medien weiterentwickeln. Der enge Horizont ist fehl am Platz: Man muss bereit sein, über den Tellerrand hinauszublicken.

Text: persoenlich.com/Tim Frei

Bild: SRF/Merly Knörle

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