SRG Deutschschweiz Ombudsstelle

«Jeder Rappen zählt» auf Radio und Fernsehen SRF beanstandet

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Mit Ihrer E-Mail vom 25. Dezember 2017 beanstandeten Sie das Engagement von Radio und Fernsehen SRF in der «Glückskette»-Sammelaktion «Jeder Rappen zählt», die vom 14.-21.Dezember 2017 in verschiedenen Sendungen, vor allem von Radio SRF 3 und Radio SRF 2 Kultur, journalistisch behandelt wurde.[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

«Ich erhebe Einspruch und Beanstandung für die Sendung: jeder Rappen zählt

Diese Sendung gehört nicht zum Service public

  1. Missbrauch der Sende–Konzession durch Agressivität und Masslosigkeit
  2. Dauernde Berieselung auf allen Sendern der SRF
  3. Sammeln nur für die Glückskette
  4. Jeder Rappen zählt in der heutigen Form, generiert keine neuen Spenden, verteilt diese nur um.
  5. Kleine Hilfswerke werden Diskriminiert, werden ausgelassen und bekommen nicht, Gratis-Präsenz auf den Kanälen der SRG, bekommen nicht die gleiche Chance, gegen die Werbewirkung von SRF haben andere Hilfswerke keine Chance.
  6. Das Posaunen in der Box durch die Akteure, wie der Satz: Wieder richtig berührend, 7 Tage praktisch ohne Schlaf, so feiern sie sich eigentlich selbst und stellen sich in den Mittelpunkt
  7. Ich fordere Transparenz über was wurde gemacht, welche Projekte wurden unterstützt in Franken Rappen, welches sind die Aufwandkosten mit allem Drum und Dran, so können die Spender/innen sich ein Bild machen, was von einem gespendeten Franken übrigbleibt, dies wäre wieder Service public und keine Dunkelkammer.
  8. Ein sofortiges Aufhören von jeder Rappen zählt und aufhören den kleinsten zu suggerieren, sie sollen
  9. den letzten Batzen ihrer Sparbüchse opfern, das ist einfach nicht die Aufgabe von SRF.»

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Herr Pascal Scherrer, publizistischer Leiter von Radio SRF 3, antwortete wie folgt:

«Bevor wir Stellung nehmen – Punkt für Punkt – an dieser Stelle eine kurze Vorbemerkung: Herr X hat bereits mehrmals, zuletzt 2014/15 eine inhaltlich weitgehend identische generelle Beanstandung in Sachen Jeder Rappen zähltan den damaligen Ombudsmann gerichtet. Dieser hat die damalige Beanstandung 2014/15 abgewiesen.[2] Wir erlauben uns deshalb, auf die entsprechende Geschäftsnummer 3909 (und den darin ebenfalls zitierten Fall Nr. 2715 vom Januar 2010) zu verweisen und verwenden die immer noch gültigen Antworten von damals auch heute.

Punkt 1: Missachtung der Konzession
Es gibt in der Konzession keinerlei Hinweise auf ein Verbot solcher Programmangebote. Durch Interviews mit Experten, Informationsbeiträge, Online-Informationen und Erläuterungen durch die ModeratorInnen vermittelt SRF auf vielfältigste Weise Informationen zum Spendenthema und leistet somit einen Beitrag zur Meinungsbildung. ‘Jeder Rappen zählt’ hat zum Ziel, mit Unterstützung von Schweizer Musikern, Prominenten, Politikern, Unternehmen, Zuschauerinnen und Hörern – und unter Anteilnahme eines grossen (Schweizer) Publikums – ein ‘Wir-Gefühl’ zu schaffen und ein gemeinsames Engagement zu initiieren. Insofern handelt es sich bei ‘Jeder Rappen zählt’ um ein identitätsstiftendes publizistisches Projekt. Dieses entspricht dem in Gesetz und Konzession formulierten Programmauftrag.

Mit JRZ will SRF eine Woche lang das Hauptaugenmerk auf ein wichtiges Thema lenken, dieses Jahr Jugendliche im In- und Ausland, die keine oder schlechte Schul-/Berufsbildung erhalten.

Punkt 2: Berieselung auf allen Sendern von SRF
Bei SRF widmet sich der Radiosender SRF 3 während einer Woche JRZ. Bei einer Auswahl von mehr als 50 terrestrischen UKW-Radiosendern allein in der Deutschschweiz, bestehen viele Ausweichmöglichkeiten. Im Vektor TV sendete TV SRF 2 mehrheitlich zu TV-Randzeiten spät am Abend ab 23.00 Uhr, in der Nacht und am morgen früh JRZ-Inhalte. Bei TV SRF 1 waren es wenige Beitragstermine innerhalb der Sendungen Glanz & Gloria sowie Schweiz aktuell. Die Anzahl der Programmhinweise auf die Aktion in anderen SRF-Kanälen bewegt sich im üblichen Rahmen von Programmereignissen bei SRF.

Punkt 3: Sammeln nur für die Glückskette
In der Schweiz ist nicht ein einzelnes Hilfswerk Partner von ‘Jeder Rappen zählt’, sondern die Glückskette. Ihr sind 25 namhafte Schweizer Hilfswerke angeschlossen. Jedes dieser Hilfswerke hat die Möglichkeit, bei der Glückskette Projekte einzureichen. Die Glückskette entscheidet gemäss den bewährten Prozessen und nach den bewährten Kriterien, welche Projekte finanziell unterstützt werden.

Durch das jährlich neu bestimmte Spendenthema wird sichergestellt, dass langfristig eine möglichst grosse Zahl von Partnerhilfswerken berücksichtigt wird, da nicht alle Hilfswerke in allen Themen-bereichen aktiv sind.

Punkt 4: Keine neuen Spenden, nur umverteilen
2013 gab es bei den ZEWO-Hilfswerken eine Verschiebung des Anteils von (kleineren) Einzelspenden hin zu Grossspenden von institutionellen Spendern (Spenden von Dritt-Organisationen, Unternehmen, der Glückskette sowie Gemeinde- und Kantonsbeiträge). Dementsprechend verringerte sich die Summe der (kleineren) Einzelspenden gegenüber 2012 um zwölf Millionen Franken. Hingegen stieg die Summe von institutionellen Spenden um rund 32 Millionen. Bei JRZ war die Spendenentwicklung exakt gegenläufig; die Zahl von Grossspenden nahm deutlich ab. Es scheint JRZ also gelungen zu sein, ein jüngeres Spendersegment anzusprechen und damit den ‘Spendenkuchen’ in der Schweiz gesamthaft zu vergrössern.

Punkt 5: Diskriminierung von kleinen Hilfswerken
Seit wir diese Aktion durchführen, gab es nie einen Hinweis auf eine Diskriminierung, geschweige denn eine Beanstandung in diese Richtung. Siehe dazu auch Punkt 3. Die jährliche Spendenstatistik der ZEWO zeigt schliesslich eine stetige Zunahme des Spendenaufkommens in der Schweiz.

Punkt 6: übertriebene Selbstdarstellung der Moderatoren in der Box
Die an der Aktion beteiligten Personen vor und hinter den Kulissen sind ausgebildete und erfahrene Journalistinnen und Journalisten. Zur Beurteilung der Mitarbeitenden durch Herrn X können wir keine Stellung nehmen, weil sie sich nicht auf konkret-auffindbare Sendeinhalte beziehen, sondern seine persönliche Meinungsäusserung darstellen.

Punkt 7: Transparenz über die Verwendung der Gelder.
Die Glückskette gibt die gesamten Spendengelder von ‘Jeder Rappen zählt’ vollumfänglich den Hilfswerken weiter. Sie verteilt das Geld aber nicht einfach. Die Hilfswerke unterbreiten der Glückskette Projekte, welche letztere eingehend darauf prüft, ob sie sinnvoll und wirksam sind und den richtigen Menschen zugutekommen. Das Budget für ein eingereichtes Projekt darf nur 10% Administrativkosten beinhalten. Für die Projekte in der Schweiz werden die Kriterien für die zu unterstützenden Projekte öffentlich kommuniziert und können von allen eingesehen werden.

Punkt 8 und 9: SRF solle aufhören den Kleinsten zu suggerieren, sie sollen ihren letzten Sparbatzen opfern
SRF suggeriert bei JRZ nichts. Es werden in keiner Art und Weise Personen jedweden Alters um Geld angegangen. Sämtliche Sammelaktionen, die SRF selber anbietet, entsprechen den gesetzlichen Vorschriften. Nebenbei erwähnt: Bereits ab Sommer melden sich jeweils Schulklassen und andere Gruppierungen zahlreich und aus freien Stücken, um zu erfahren ob und für welches Thema JRZ sammle.»

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sammelaktion und der Mitwirkung von Radio und Fernsehen SRF. Sie haben offenbar nicht begriffen, dass zur Idee der Schweiz der Solidaritätsgedanke gehört. Es ist Teil der eidgenössischen Idee, dass die sprachlichen und gesellschaftlichen Minderheiten zu ihrem Recht kommen und dass Benachteiligten und Bedürftigen geholfen wird. Sie haben nicht begriffen, dass dieser Solidaritätsgedanke auch zum Konzept des Service public im Medienbereich und damit zum Konzept der SRG gehört. Sie haben ferner nicht begriffen, dass die «Glückskette» ein Verbund aller Hilfswerke ist und dass kleine Hilfswerke keineswegs ausgegrenzt werden. Dass über die Sammelaktion auch journalistisch berichtet wird, versteht sich von selbst. Es gibt das Konzept des Public Journalism, Ende der achtziger Jahre in den USA entwickelt, das vorsieht, dass sich Journalistinnen und Journalisten für wichtige Werte engagieren, das heißt: dass sie nicht nur über Konflikte berichten, sondern auch Lösungen anbieten und bei deren Umsetzung mitwirken. In dieses Konzept fügt sich auch das Engagement für eine Sammelaktion wie «Jeder Rappen zählt» ein. Ich schliesse mich den Ausführungen von Herrn Pascal Scherrer und meines Vorgängers Achille Casanova vorbehaltlos an. Das bedeutet, dass ich Ihre Beanstandung nicht unterstütze.

Sie haben die Aktion «Jeder Rappen zählt» 2010, 2014 und wieder 2017 beanstandet. Sie haben offensichtlich keines der Argumente, die Ihnen entgegengehalten wurden, geprüft, gewogen und für überzeugend befunden. Sie bringen stur immer wieder die gleichen Kritiken vor. Das ist ein eindeutiger Missbrauch der Ombudsstelle.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.


[1] https://www.srf.ch/radio-srf-3/highlights/jeder-rappen-zaehlt

[2] Vgl. Beilage Ombudsfall 3909

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