SRF Übertragung des Internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo beanstandet III
SRG Deutschschweiz Ombudsstelle

SRF Übertragung des Internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo beanstandet III

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Mit Ihrer E-Mail vom 25. April 2019 beanstandeten Sie die fehlenden Wildtiernummern im Zusammenschnitt des 43. Internationalen Zirkusfestivals, gesendet am 19. April 2019.[1]  Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann daher darauf eintreten.

 

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

Ich leite Ihnen untenstehend meinen e-Mail-Verkehr mit dem Schweizer Fernsehen (srf@srf.ch) weiter.

In meinem ersten Schreiben habe ich darauf hingewiesen, dass mich bei der Ausstrahlung der Zusammenfassung des Circusfestivals von Monte Carlo (Ausstrahlungstermin Karfreitag, 19.4.2019) gestört hat, dass tolle Wildtiernummern, welche sogar mit  Sonderpreisen geehrt wurden, die bisher noch nie verliehen und extra für diese Nummer geschaffen worden sind, dem Schweizer Fernsehpublikum vorenthalten wurden. Die (standardisierte) Rückantwort befriedigte mich nicht wirklich, zumal die Argumentationen (andere TV-Stationen zeigen diese Nummern auch nicht; den 400'000 Zuschauern habe es gefallen...) seitens SRF doch sehr schwach und nicht wirklich nachvollziehbar sind. Dass der Circus Knie oder andere Circusunternehmen keine Elefanten mehr auf die Tournee mitnehmen, hat im Übrigen andere Gründe als dass die Leute diese Tiere nicht mehr sehen wollen.

Auf die SRF-Antwort habe ich meinen Unmut noch in einem zweiten Mail (sehen sie unten) kundgetan. Ich bin mir dessen bewusst, dass aufgrund meines e-Mailverkehrs wohl nichts daran ändern wird, dass das SRF auch weiterhin diese Haltung vertritt, die Informationsvielfalt wird aber mit dieser Zensur vom SRF meiner Meinung nach verletzt. Die Arroganz des SRF (die TV-Zuschauer wollen die Raubtier- und Elefantennummern gar nicht sehen - woher wollen sie das wissen?) kann ich nicht verstehen.

Ich bitte Sie um Prüfung, ob es bei der Zensur/beim Nicht-Zeigen von Wildtiernummern um eine Verletzung der Informationspficht und Medienvielfalt seitens SRF handelt.

 

Mail-Wechsel

1) Liebes SRF-Redaktionsteam

Meine Familie und ich, wir freuen uns jeweils sehr über die Aufzeichnungen vom Circusfestival in Monte Carlo und schauen uns gemeinsam diesen tollen Zusammenschnitt aus der über 4-stündigen Galavorstellung an. Dani Fohrler führte auch dieses Jahr gekonnt als Moderator durch die Sendung, die Fragen an seinen Co-Moderator Rolf Knie sind sehr interessant und die daraus resultierenden Antworten sehr informativ.

 Doch leider mussten wir am Schluss erfahren, dass die Nummern mit Wildtieren (man beachte, dass Circustiere keine Wildtiere im eigentlichen Sinne sind, sie stammen alle aus Zuchten) bewusst dem Schweizer Fernsehpublikum vorenthalten wurden, obwohl die Tierlehrer ebenfalls mit (brozenen und goldenen (!!!)) Clowns ausgezeichnet wurden, Martin Lacey jr. sogar noch mit etlichen weiteren Sonderpreisen, sogar einem Sonderpreis von Prinzessin Stéphanie, der in den letzten 39 Jahren noch nie verliehen wurde (sehen Sie dazu die Reportage von München.tv [2] ). Ich finde dies eine absolute Frechheit und eine Zensur sondergleichen! Wer bestimmt eigentlich, welche Tiernummern vom Schweizer Publikum gesehen werden wollen? Sie als SRF? Sind Sie als nationales TV-Institut nicht verpflichtet, die gesamte Palette (Artistik, Tiernummern, Clownerie....) Ihrem Publikum zu zeigen? Unsere Kinder waren regelrecht traurig, als sie die Mitteilung am Schluss gehört haben - wie gern hätten sie - wie auch wir Erwachsenen - die tollen Tiernummern von Martin Lacey jr. und der Familie Gärtner gesehen.

Mit dieser Zensur unterstützen Sie die "sogenannten" Tieraktivisten, welche durch unwahre und nicht korrekt recherchierten Argumentationen gegen Tierhaltung in Circusunternehmen entgegenwirken, was meiner Meinung ganz klar ein Verstoss des SRF an der Informationsvielfalt gegenüber seinem Publikum ist. Wenn Sie sich die Tiernummern der langjährigen, sehr versierten Tierlehrer anschauen, kann man ganz klar erkennen, dass die Tiere in einem sehr guten Zustand sind und die Tiernummern sehr liebevoll und mit viel Respekt dem Tier gegenüber präsentiert werden. Ich erlaube mir hier sogar die Behauptung, dass es vielen Circustieren besser geht als manch einem anderen "Haustieren" in der Schweiz. Oder finden Sie es tatsächlich besser, in einer Sendung einen Papagei zu zeigen, der eigentlich viel lieber in seinem Ursprungsland Mittel- oder Südamerika wäre, anstelle in einem viel zu engen Käfig bei uns zu leben? Oder denken Sie an die vielen Nagetiere, die in engen Käfigen irgendwo auf einem Hof oder in einer Wohnung ihr Dasein fristen - ist das besser?

Es gibt viele angesehene (auch CH) Fachleute, die man leider nie zu Wort kommen lässt und stattdessen lieber den Tierschützern Raum gibt - das finde ich sehr schade und einem Schweizer Fernsehen unwürdig.

Und im Übrigen - finden Sie denn tatsächlich die gezeigte Kosakenreiterei dem SRF-Publikum "zeigungswürdiger", obwohl genau diese Art von Reiterei (viel zu schnelles Tempo auf viel zu engem, runden Raum/Manege) eigentlich eine Pferdeschinderei ist? Ich finde die z.B. von der Familie Knie gezeigten Pferdenummern immer sehr schön und poetisch, damit hat aber die gezeigte Kosaken-Reiterei nichts zu tun, im Gegenteil!
 
Ich hoffe, dass Sie in Zukunft wieder an das gesamte Publikum bei der Auswahl der einzelnen Nummern denken und die tollen Raubtier- sowie Elefantennummern wieder einen festen Platz im Zusammenschnitt der Monte Carlo-Gala erhalten werden!

Freundliche Grüsse

X

 

2) Guten Tag Frau X

Ihre Kritik nehmen wir entgegen.

Nachfolgend schicken wir Ihnen die Stellungnahme von Rolf Tschäppät, Produzent Co-Produktionen. Diese ist auch als Publikumsfrage <Warum wurden die Elefanten- und Raubtiernummern zensiert?> in der ‘Hallo SRF’ publiziert.[3]

<Wir sind uns sehr bewusst, dass das Thema «Wildtiere im Zirkus» kontrovers diskutiert werden kann. Tatsache ist, dass immer mehr Zirkusse freiwillig, oder weil es in ihren Ländern Verbote gibt, auf Wildtiere verzichten. Auch der Schweizer Nationalzirkus Knie hat seit 2004 keine Raubkatzen mehr im Programm. Seit 2016 verzichtet der Knie auch auf Elefanten-Nummern. Dieser Tendenz trugen wir mit dem Verzicht auf die Wildtiernummern Rechnung.

Auch die ARD respektive ihre dritten Programme, welche das Zirkusfestival meistens erst vor Weihnachten ausstrahlen, verzichten seit Jahren auf die Nummern mit Wildtieren.

Wir bedauern, dass Ihnen die Zirkus-Darbietungen mit den Wildkatzen und den Elefanten gefehlt haben. Das «Internationale Zirkusfestival Monte Carlo» erfreut sich auf SRF grosser Beliebtheit. Auch diesen Karfreitag verfolgten fast 400'000 Zuschauerinnen und Zuschauer dieses Programm auf SRF. Wir dürfen also davon ausgehen, dass unsere Auswahl dem Grossteil des Publikums gefallen hat.>

Wir freuen uns, wenn Sie mit uns auf Sendung sind.

Freundliche Grüsse

Ursula Pauli
SRF Kundendienst

 


3) Sehr geehrte Frau Pauli

Liebes SRF-Team

Herzlichen Dank für Ihre prompte Antwort auf mein Mail an srf@srf.ch.

Wie Sie sicher denken können, kann ich Ihre und Rolf Tschäppät's Argumentationen nicht wirklich nachvollziehen. Nur weil die anderen TV-Stationen auf Wildtier-Nummern verzichten, muss es ja das SRF nicht, oder? Und wie können Sie davon ausgehen, dass die 400'000 Zuschauer der Monte Carlo-Zusammenfassung vom Karfreitag alle diese Haltung des SRF unterstützen?

Dass der Circus Knie und auch weitere schweizer Circusunternehmen seit einigen Jahren auf Elefanten- und Raubtier-Nummern verzichten, ist mir als interessierte Circusbesucherin selbstverständlich bekannt, das ist auch total ok und dagegen spricht nichts. Dass das SRF aber bei der Auswahl der Nummern die Dschigiten-Reiterei der tollen und mit etlichen Sonderpreisen ausgezeichneten Tiernummer wie der von Martin Lacey jr. vorzieht, kann ich nach wie vor nicht nachvollziehen. Woher hat das SRF Kenntnis, dass ihr Publikum diese Reiterei-Darbietung tatsächlich resp. die - wie Sie sagen - Wildtiernummern eben NICHT sehen wollte? Und nur weil Sie wenige oder keine Reaktionen auf die nicht gezeigten Wildtiernummern erhalten haben heisst dies noch lange nicht, dass die Mehrheit der Zuschauer diese Zensur auch für gut befindet. Herr und Frau Schweizer sind landläufig bekannt, bei Missfallen eher zu schweigen als aufzubegehren.

Mir ist klar, dass die Auswahl der einzelnen Nummern einer über 4-stündigen Vorstellung auf 1 1/2 Stunden echt schwierig ist, das kann ich gut nachvollziehen. Aber die Wildtiernummern aufgrund irgendwelcher fadenscheinigen Behauptungen wegzulassen, ist für mich nicht verständlich. Für mich ist es, als wenn das SRF in der SRF-Kantine ab sofort nur noch vegane Menus im Angebot hat, weil drei, vier vielleicht auch 10 Mitarbeiter sich vegan ernähren - alle übrigen Mitarbeiter müssen dann halt einfach mitziehen resp. sich diesem Trend regelrecht "unterwerfen".

Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich mit meinen Zeilen kein Umdenken in obengenannter Angelegenheit beim SRF bewirken kann. Dennoch hoffe ich, dass die SRF-Crew zukünftig meine Gedanken bei der Auswahl der Tiernummern in ihren Überlegungen einfliessen lässt.

Freundliche Grüsse

X

 

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für die Abteilung Unterhaltung äußerte sich Herr Rolf Tschäppät, Executive Producer International Productions:

«Gerne nehme ich zu der Beanstandung von Frau X Stellung. 

Bei der Sendung ‘43. Internationales Zirkusfestival Monte Carlo’ handelt es sich um eine Unterhaltungssendung, die SRF 1 traditionsgemäss am Karfreitag um 20:05 Uhr ausstrahlt. Das internationale Zirkusfestival findet jeweils im Januar während zehn Tagen in Monte Carlo statt. Eingeladen werden herausragende Artistinnen und Artisten aus der ganzen Welt. Der Wettbewerb gipfelt in einer Gala, in der alle mit einem Preis ausgezeichneten Nummern zu sehen sind. 2019 wurden sechs bronzene, vier silberne und zwei goldene ‘Clowns’ vergeben. Diese Auszeichnungen werden landläufig auch als die ‘Oscars der Zirkuswelt’ bezeichnet. Ein kleines Team von SRF ist jeweils vor Ort, schaut sich Vorstellungen an und zeichnet an der Gala die Moderationen mit Dani Fohrler und Experte Rolf Knie auf. Die einzelnen Zirkusnummern, welche schlussendlich in der Sendung zu sehen sind, bestellt SRF bei der Produktionsfirma TELMONDIS, die vom Festival mit der Aufzeichnung der Vorstellungen beauftragt ist. Im Anschluss werden die einzelnen Nummern sowie die Moderationen von SRF in Zürich zusammengeschnitten und die Off-Kommentare von Moderator Dani Fohrler und Experte Rolf Knie aufgenommen. 

In ihrem Schreiben beanstandet Frau X, dass SRF bei der Zusammenfassung des Zirkusfestivals tolle Wildtiernummern, welche sogar mit Sonderpreisen geehrt wurden, dem Schweizer Fernsehpublikum vorenthalten habe. Eine erste (standardisierte) Antwort seitens SRF befriedige sie nicht. Die Informationsvielfalt werde mit dieser Zensur verletzt und die Arroganz des SRF könne sie nicht verstehen.

Wir können diese Beanstandungen nachvollziehen und haben dafür Verständnis. Auch wir diskutieren das Thema von Wildtieren im Zirkus redaktionsintern intensiv. Medienberichte, Plakat-Aktionen oder Experten- und Publikumsvoten zeigen, dass sich auch die Öffentlichkeit seit einigen Jahren mit dieser Thematik auseinandersetzt. In diversen Ländern wurden Wildtiere in den Zirkussen verboten (z.B. Österreich, Niederlande, Norwegen, Schottland, Irland, Griechenland), in anderen – die Schweiz gehört dazu – sind sie erlaubt. Unter Fachleuten herrscht keine einheitliche Meinung darüber, ob Wildtiere in der Manege, auf den Reisen und in den räumlich eingeschränkten Verhältnissen auf den Zirkusplätzen leiden oder nicht.

Aber in der Gesellschaft lässt sich ein moralischer Wandel feststellen. Der Unmut vieler Schweizerinnen und Schweizer über Wildtiere in Zirkussen ist eine Tatsache. Davon zeugt auch eine Petition zum Verbot von Wildtieren in Zirkussen, die mit über 70'000 Unterschriften im März 2018 eingereicht wurde. Auch der Schweizer Nationalzirkus Knie verzichtet bekanntlich seit einiger Zeit auf seine Wildtiere in der Manege. Dazu dürften neben dem Wohl der Tiere auch Aktionen von Tierschützern beigetragen haben.

Wir standen auch mit dem ehemaligen Präsidenten der Circus-, Variété- und Artistenfreunde der Schweiz CVA, Herrn Alfred Reichle in Kontakt. Bereits nach der Ausstrahlung der Vorjahressendung, in der SRF ebenfalls schon keine Wildtiernummern gezeigt hatte, kam es zu einem Austausch mit Herrn Reichle. Diese Gespräche haben zwar etwas zum gegenseitigen Verständnis beigetragen, eine entscheidende Frage, vor der wir Sendungsverantwortlichen aber stehen, blieb: Was wollen wir in Kauf nehmen: Den Ärger der traditionellen Zirkusfreunde oder den der Tierschützer? Es war zu erwarten, dass so oder so eine Partei die Sendung beanstanden würde.

Wir haben uns auch die Frage gestellt, ob das Zirkusfestival Monte Carlo die richtige Wahl ist, um Zirkus auf SRF stattfinden zu lassen. Schliesslich steht Monte Carlo schon seit jeher auch für Nummern mit Wildtieren. Aber eben nicht nur: Es sind vor allem die weltbesten Artistinnen und Artisten, die jedes Jahr eingeladen und preisgekrönt werden, welche die Einzigartigkeit und die Attraktivität dieses Festivals ausmachen.

In unserem Bestreben, möglichst vielen Zuschauerinnen und Zuschauern einen unterhaltsamen Abend zu bereiten, haben wir uns entschieden, die Wildtiernummern nicht zu zeigen, wohl aber am Schluss der Sendung die Übergabe der begehrten ‘Clowns’ an alle Preisträger. Im Off-Kommentar wurden alle mit Namen erwähnt, wobei wir bei den beiden Tiertrainern darauf hinwiesen, dass wir ihre Vorführungen in unserem Querschnitt nicht berücksichtigt haben (Originalton bei Laufzeit 1:41:10: <…und a d’Familie Joseph Gärtner für ihri Elefantenummere, wo mer i dem Querschnitt nid xseh hei. Dr Grund: Mir verzichte i dere Sändig auf Zirkusnummere mit Wildtier>). Über diese knappe Abhandlung lässt sich streiten – aber auch darüber, ob diese Unterhaltungssendung das richtige Gefäss wäre für ein vertieftes Eingehen auf das komplexe Thema. Wir bedauern, dass wir Frau X mit dem Verzicht auf die beiden Wildtiernummern verärgert haben. Einen Verstoss gegen geltende Programmbestimmungen ist uns aber nicht bewusst.»

 

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Sie kritisieren in Ihrer Beanstandung, dass am 43. Internationalen Circus-Festival von Monte Carlo Wildtiernummern zwar mit besten Preisen ausgezeichnet, aber vom Schweizer Fernsehen in seinem Zusammenschnitt nicht gezeigt wurden. Ich kann Ihren Ärger verstehen, vor allem weil eine Wildkatzennummer sogar mit einem goldenen Clown ausgezeichnet wurde. Ich möchte in fünf Punkten darauf eingehen.

 

1. Was war der Anlass?

Seit 1974 findet Jahr für Jahr jeweils im Januar das Internationale Circus-Festival von Monte Carlo statt. Gründer war Fürst Rainier von Monaco. Seit seinem Tod steht das Festival unter der Schirmherrschaft von Prinzessin Stéphanie, die auch an der Spitze des Organisationsteams steht.[4] Das 43. Festival fand vom 17.-27. Januar 2019 statt. Die Gala mit den preisgekrönten Nummern umfasste 24 Auftritte und dauerte vier Stunden. Am Schluss wurden 52 Preise übergeben, darunter die bronzenen, silbernen und goldenen Clowns. Im Programm waren Darbietungen von Akrobaten, von Clowns sowie Dressurnummern mit Pferden, Eseln, Büffeln, Elefanten, Löwen und Tigern enthalten. Die Leitung des Festivals bekennt sich ausdrücklich zum Zirkus mit Tieren.[5] Prinzessin Stéphanie hat überdies eine Petition für den Zirkus mit Tieren initiiert, die von 6'673 Personen unterzeichnet wurde.[6]

 

2. Wie ging SRF vor?

Wie jedes Jahr, sendete Schweizer Fernsehen SRF am Karfreitag einen Zusammenschnitt des Festival-Programms, kommentiert von Dani Fohrler und Rolf Knie. Im Zusammenschnitt fehlten bewusst die Wildtiernummern. Das Fernsehen zeigte aber die Übergabe der bronzenen, silbernen und goldenen Clowns, darunter auch eines bronzenen Clowns an die Familie Gärtner für ihre Elefantennummer und eines goldenen Clowns an Martin Lacey Junior für seine Wildkatzennummer. Die Redaktion hat aus eigenem Antrieb und freiwillig darauf verzichtet, Wildtiernummern zu zeigen.

 

3. Was spricht für eine Sendung ohne Wildtiernummern?

Die Haltung von Wildtieren in Gegenden, in denen sie nicht zu Hause sind und in engen Verhältnissen (Zookäfigen, Zirkuswagen, Tierzelten) gehalten werden, gerät immer mehr in die Kritik. Viele Zoologische Gärten haben inzwischen den Wildtieren Parks gebaut, die ihren Herkunftsregionen ähneln und die viel Auslauf bieten. Zirkusse, die traditionell mit Wildtieren arbeiteten (wie Knie), haben freiwillig auf Wildtiernummern verzichtet. Andere renommierte Zirkusse (wie Roncalli oder Cirque de Soleil) haben zum vorneherein Programme überhaupt ohne Tiere angeboten. Auch der Schweizer Zirkus Monti verzichtet seit 2005 auf Tiere. Tierschutz-Argumente und Zeitgeist sprechen für den Zirkus ohne Wildtiere. Verschiedene Länder, vor allem nord- und westeuropäische, haben denn auch Wildtiere im Zirkus verboten. Der Verzicht oder ein Verbot wird vor allem damit begründet, dass der Transport und die Haltung der Tiere nicht artgerecht erfolgen kann und man nicht weiß, ob Dressuren von Wildtieren den Tieren eher Lust oder eher Leid bereiten.

 

4. Was spricht für eine Sendung mit Wildtiernummern?

Ausgangspunkt der Sendung vom Karfreitag war das diesjährige Internationale Circus-Festival von Monte Carlo. Dieses enthielt Wildtiernummern, sogar preisgekrönte. Die Leitung des Festivals bekennt sich ausdrücklich zum Zirkus mit Tieren. Wenn man also die Gala in Monte Carlo gerecht zusammenfasst und wenn die besten Nummern gezeigt werden sollen, dann müssten auch Wildtiernummern gezeigt werden. Rechtswidrig wäre das nicht, denn die Schweiz hat Wildtiere im Zirkus bislang nicht verboten.

 

5. Fazit

Wildtiere im Zirkus verkörpern Exotik, Schönheit, Kraft und Wendigkeit. Aber gibt es eine logische Begründung dafür, dass ein Elefant auf einen Hocker sitzen, ein Tiger durch einen brennenden Reifen springen oder ein Zebra auf zwei Beinen durch die Manege tänzeln muss? Man kann natürlich argumentieren, dass es den Tieren nicht besser gehen soll als den Menschen, denn diese werden ja auch dressiert und zu Nummern gezwungen, die in keiner Weise vernünftig sind. Oder entspricht es etwa der Vernunft, wenn an wichtigen Gedenktagen militärische Einheiten in Reih und Glied mit Stechschritt über Plätze und Straßen paradieren? Man kann umgekehrt wiederum argumentieren, dass es sowohl den Menschen und den Tieren besser gehen sollte. Dann müsste man die Defilee-Dressuren ebenso abschaffen wie die Dressuren von Wildtieren.

Fernsehen SRF konnte die Dressuren allerdings nicht abschaffen, es konnte nur darauf verzichten, sie zu zeigen. Man hat also dem Schweizer Publikum eine «Welt» vorgegaukelt, die so gar nicht existierte. War das legitim? Durfte das Fernsehen die Gala so zusammenkürzen, dass es nicht die «schlechteren» Nummern wegließ, sondern jene mit Wildtieren? War das sachgerecht?

Hier muss gleich eingefügt werden, dass das Sachgerechtigkeitsgebot vor allem auf Informationssendungen anwendbar ist, nur begrenzt auf Unterhaltungssendungen. Artikel 4, Absatz 2 des Radio- und Fernsehgesetzes sagt klar: «Redaktionelle Sendungen mit Informationsgehalt müssen Tatsachen und Ereignisse sachgerecht darstellen, so dass sich das Publikum eine eigene Meinung bilden kann.»[7] Nun könnte man natürlich argumentieren, der Bericht über das Internationale Circus-Festival von Monte Carlo sei auch Information, und dem Publikum seien Informationen vorenthalten worden, die es für die Meinungsbildung braucht. Nur wenn man die Tiernummern sehe, könne man beurteilen, ob es richtig oder falsch sei, dass Wildtiere in dieser Art dressiert und vorgeführt werden.

Diese Meinungsbildung wäre sicher wichtig, wenn in der Schweiz ein Gesetz erlassen worden wäre, das Wildtiere im Zirkus verbietet, und wenn gegen dieses Gesetz das Referendum ergriffen worden wäre, so dass eine Volksabstimmung bevorstünde. Dann müsste das Publikum die Pro- und Contra-Argumente kennen und auch dokumentiert werden. Da aber keine Volksabstimmung bevorstand, war die Sendung über das Internationale Circus-Festival in Monte Carlo reine Unterhaltung. Das Sachgerechtigkeitsgebot spielte eine untergeordnete Rolle.

Und deshalb kommt vor allem die Programmautonomie zum Zug. Das Radio- und Fernsehgesetz sagt in Artikel 6, Absatz 2: Die Programmveranstalter «sind in der Gestaltung, namentlich in der Wahl der Themen, der inhaltlichen Bearbeitung und der Darstellung ihrer redaktionellen Publikationen und der Werbung frei und tragen dafür die Verantwortung.» Und es fügt in Absatz 3 an: «Niemand kann von einem Programmveranstalter die Verbreitung bestimmter Darbietungen und Informationen verlangen.»[8] Wir müssen daher der Redaktion das Recht zubilligen, auf Wildtiernummern in der Zusammenfassung des Internationalen Circus-Festivals von Monte Carlo zu verzichten, obwohl das schweizerische Recht sie nicht dazu gezwungen hat und selbst dann, wenn man den Entscheid nicht ganz nachvollziehen kann. In «dubio pro reo» kann ich daher Ihre Beanstandung nicht unterstützen.

 

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüssen, 
Roger Blum, Ombudsmann

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