Mehr als eine Anleitung zum Witzig-Sein: Die «Comedy Talent Journey»
Die «Comedy Talent Journey» coacht Nachwuchstalente und bietet ihnen eine grosse Plattform. Damit unterstützt das Förderprogramm von SRF nicht nur die deutschschweizer Comedy-Szene, es leistet auch einen Beitrag zur Meinungsbildung – denn Comedy ist mehr als nur Unterhaltung.
«Kurz nach meiner Einschulung sollte abgeklärt werden, ob ich ein ADHS habe. Wisst ihr, was dabei herauskam? – Keine Ahnung, ich habe nicht aufgepasst!» Elias Wenger macht eine kurze Atempause. «Und», fährt er fort, «das Ding ist…» Aber Produzentin Simone Kerr unterbricht ihn: «Dieses ‹Und›: Muss das sein?»
Der 25-Jährige fängt noch einmal von vorne an, versucht, das «Und» am Ende wegzulassen. Dabei stolpert er jedoch über seine Worte und vergisst die nächste Pointe. Nochmal von vorn. Und noch einmal. Simone Kerr lässt nicht locker, macht Vorschläge, Elias Wenger probiert’s aus. So lange, bis die Pointen sitzen.
Elias Wenger ist eines von sechs Comedy-Nachwuchstalenten, die im Rahmen der «Comedy Talent Journey» von SRF ein Coaching erhalten. Das Förderprogramm wurde 2017 ins Leben gerufen und hat zum Ziel, Newcomerinnen und Newcomer nicht nur zu coachen, sondern ihnen auch eine grosse Bühne zu bieten.
Während Comedyproduzentin und Regisseurin Simone Kerr mit ihnen an der Performance feilt, arbeiten Stand-up-Comedian Joël von Mutzenbecher und Entertainer Dominic Deville mit ihnen am Material und beantworten ihre vielen Fragen. Denn: Der Weg in die Comedy ist in der Schweiz nicht vorgegeben, es gibt keine Ausbildung und nur wenige Plattformen. Mit der «Comedy Talent Journey», die einmal im Jahr stattfindet, füllt SRF diese kulturelle Lücke.
«Gerade am Anfang einer Karriere kann man sich als Comedian sehr allein fühlen»
Am Anfang sind die Zweifel gross
Bei der «Comedy Talent Journey» steht der Prozess im Vordergrund. Am Ende dieser Reise leuchtet das Scheinwerferlicht der «SRF 3 Comedy Talent Stage»: Dort werden sich die sechs jungen Talente vor Live-Publikum und einer Fachjury beweisen müssen. Drei von ihnen werden dann für die «SRF 3 Best Talent Comedy» nominiert und haben am Ende die Chance, den «Swiss Comedy Award» zu gewinnen.
Dieses Jahr werden im Rahmen der «Journey» zum dritten Mal auch Intensivcoachings angeboten: Zwei Tage, an denen die Comedians nicht nur miteinander, sondern auch mit professionellen Entertainerinnen und Entertainern in Kontakt kommen und an ihren Auftritten feilen. Alexandra Steck ist Redaktorin der SRF-Abteilung Comedy & Satire und organisiert unter anderem die «Comedy Talent Journey». Sie sagt: «Gerade am Anfang einer Karriere kann man sich als Comedian sehr allein fühlen. Viele wissen nicht, wohin mit ihren Zweifeln, fühlen sich orientierungslos und geben sehr schnell wieder auf.» Die «Comedy Talent Journey» soll die Nachwuchstalente in ihrer Unsicherheit auffangen und ihnen dabei helfen, Fuss zu fassen.
Hartnäckigkeit wird belohnt
Um an der «Journey» teilnehmen zu können, müssen sich Interessierte mit einem kurzen Video bewerben. Wer Talent und Glück hat, wird zur zweiten Runde am «Open Mic Casting» in Zürich oder Basel eingeladen. Eine Jury wählt sechs Talente aus, die gecoacht werden.
Naomi Peper hat sich insgesamt drei Mal beworben, bevor sie endlich zugelassen wurde. Sie hat die Bühne immer schon geliebt und Theater gespielt, bevor sie vor drei Jahren mit der Comedy begann. «In der Comedy muss man sehr stark an sich glauben», sagt die ausgebildete Sozialpädagogin. «Oder sehr verzweifelt sein!» So oder so: Hartnäckigkeit zahlt sich aus. Um im Rennen zu bleiben, heisst es, immer wieder neues Material zu schreiben und abends und an den Wochenenden zu Open-Mic-Auftritten in der ganzen Schweiz zu reisen.
Das kostet viel Zeit – und Geld. Teilnehmer Pavel Zborik sagt, er habe im vergangenen Jahr über 1000 Franken für Reisekosten, Onlinewerbung für Auftritte sowie Equipment für Aufnahmen ausgegeben. Das Problem: In der Schweiz gibt es nur wenige Open-Mic-Lokale, also Auftrittsorte mit Live-Publikum, wo junge Comedians ihr Material testen und netzwerken können. Die meisten sind in Zürich oder Basel. In Bern gibt es nur zwei Lokale, die oft über Monate ausgebucht sind – und ausserhalb der grösseren Städte ist sowieso Brachland, was Open-Mic-Lokale betrifft.
Handwerk kann man lernen, Gespür nicht
Die Coachings an der «Comedy Talent Journey» finden in Kleingruppen statt. Naomi Peper und ihre Mitteilnehmerin Nathalie Frei sitzen mit Dominic Deville an einem runden Tisch und besprechen ihr Material. Für die «SRF 3 Comedy Talent Stage» müssen alle Teilnehmenden sechs Minuten auf der Bühne stehen. Jedes Wort muss sitzen. Verstehen die Leute, was die Dating-App «Hinge» ist? Weiss das Publikum, dass es zur ägyptischen Kultur gehört, bei Wutausbrüchen mit Schuhen zu werfen?
«Mit dem Programm wollen wir sicherstellen, dass das Publikum auch weiterhin Comedians aus der Schweiz zu sehen bekommt»
Comedy wirkt meinungsbildend und verbindend
Die «Comedy Talent Journey» ist schweizweit ein einzigartiges Förderangebot in der Art, wie die Teilnehmenden im Karriereprozess an die Hand genommen werden. Die «Journey» habe auch einen gesellschaftlichen Nutzen, sagt SRF-Redaktorin Alexandra Steck. «Mit dem Programm wollen wir sicherstellen, dass das Publikum auch weiterhin Comedians aus der Schweiz zu sehen bekommt. Dafür braucht es einen sicheren Rahmen, in dem Leute das Handwerk lernen können.»
Der Wert von Comedy für die Gesellschaft geht sogar noch tiefer. Laut Kommunikationswissenschaftler Matthias Künzler konsumieren viele Menschen Nachrichten über Comedy – und teilweise ersetzen Formate wie die «Heute Show» gar die News. Unterhaltung und Information lassen sich also so streng nicht voneinander trennen. Künzler sagt: «Comedy erreicht Gesellschaftsgruppen, die keine Nachrichten schauen. Sie greift gesellschaftspolitische Themen auf und das Publikum wird mit anderen Lebensrealitäten konfrontiert. Das trägt zur Meinungsbildung bei.»
Studien belegen inzwischen, dass Comedy zum Beispiel auch das Verständnis füreinander fördert, etwa für geflüchtete Menschen, und eine Integrationsbrücke sein kann. Diese Erfahrung macht auch Teilnehmer Thierry Ngalo: «Ich habe neulich auf einer Bühne in Basel von meiner afrikanischen Mutter erzählt. Sie kann mit einem einzigen Geräusch etwa 25 Schimpfwörter auf einmal zum Ausdruck bringen. Nach der Show kam ein Schweizer zu mir und sagte: ‹Jetzt verstehe ich endlich, was die Mutter meines schwarzen Schulfreunds früher immer meinte, wenn sie dieses Geräusch gemacht hat!›» Comedy als Spiegel der Gesellschaft – das ist Künzler zufolge eine der grössten Stärken des Genres: Comedy macht Gesellschaftsgruppen sichtbar, die sonst wenig im Fernsehen zu sehen sind und wirkt damit identitätsstiftend und verbindend.
Von der «Talent Stage» in die Late Night Show
Die «SRF 3 Talent Stage» am Ende der «Journey» ist für viele Nachwuchstalente ein wichtiges Sprungbrett. Milan Milanski, der 2022 teilgenommen hat, sagt: «Auf der ‹Talent Stage› hat mich Stefan Büsser zum ersten Mal gesehen. Das eine hat zum anderen geführt, jetzt bin ich Teil seiner Late Night Show.» Ähnliche Ziele und Hoffnungen haben auch die diesjährigen Teilnehmenden. «Comedy ist Punk», meint Joël von Mutzenbecher. «Du hast viel Unabhängigkeit, aber auch viel Eigenverantwortung: Der ‹Comedy Award› allein entscheidet nicht über deine Karriere. Du musst immer wieder selbst Auftrittsmöglichkeiten generieren.»
Im TV gibt es seit diesem Jahr eine neue solche Auftrittsmöglichkeit: SRF hat das Comedy-Angebot erweitert und strahlte im Mai das neue Stand-up-Format «Fun Fatale» aus. Die Bühne gehört dabei ausschliesslich weiblichen Comedians aus der Schweiz und dem deutschsprachigen Ausland. Die Sendung soll die Diversität der Schweizer Comedyszene noch verstärkter im Angebot abbilden. Und wer weiss: Dank Hartnäckigkeit, Glück und auch dem Hauch Verzweiflung, von dem Nachwuchstalent Nathalie Frei gesprochen hat, könnten in Zukunft vielleicht auch sie und ihre Kollegin Naomi Peper auf dieser Bühne stehen.