Ombudsstelle: SRF-DOK über Overtourismus war sachgerecht
Zwei Beanstander kritisieren den SRF-DOK «Überrannt – Overtourism in der Schweiz» vom 7. Mai 2026. Ihrer Ansicht nach gewichtet die Sendung die negativen Folgen des Tourismus zu stark, vernachlässigt wirtschaftliche und tourismusfreundliche Perspektiven und gibt SP-Nationalrat David Roth zu viel Raum. Insbesondere die Darstellung der Stadt Luzern empfinden die Beanstander als unausgewogen und tendenziös. Die Ombudsstelle kommt jedoch zum Schluss, dass der Film einen pointierten, aber zulässigen Zugang gewählt habe. Das Sachgerechtigkeitsgebot gemäss Radio- und Fernsehgesetz sei nicht verletzt worden.
Darum geht es in der beanstandeten Sendung
Der SRF-DOK «Überrannt – Overtourism in der Schweiz» begleitet Reisende, die per Bus, Zug oder anderen Verkehrsmitteln in der Zentralschweiz und im Berner Oberland unterwegs sind. Die Sendung zeigt, was Touristinnen und Touristen erleben, wo es zu Reibungen mit der einheimischen Bevölkerung kommt, wie man den Besucherströmen begegnet und welche Herausforderungen der Tourismus künftig mit sich bringt.
Anlass des Films ist laut Redaktion, dass noch nie so viele Touristinnen und Touristen die Schweiz besucht hätten wie im Jahr zuvor. Die gezeigten Regionen profitieren vom Tourismus, gehören aber zugleich zu den am stärksten frequentierten Destinationen. Für die Wohnbevölkerung bringt dies auch Nachteile mit sich.
«DOK» vom 7. Mai 2026:
«DOK» vom 7. Mai 2026:
Was wird beanstandet?
Die beiden Beanstander kritisieren vor allem den Luzern-Teil des Films. Ihrer Ansicht nach entsteht der Eindruck, Luzern leide unter massivem Overtourismus, ohne dass wesentliche politische, wirtschaftliche und sachliche Zusammenhänge ausreichend dargestellt würden.
Ein Beanstander bemängelt, die Sendung fokussiere stark auf Belastungen und negative Begleiterscheinungen des Tourismus. Positive oder differenzierende Aspekte würden kaum vertieft. So fehlten etwa Hinweise auf die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus für Hotellerie, Gastronomie, Detailhandel, Transportunternehmen und die damit verbundenen Arbeitsplätze.
Beide Beanstander kritisieren zudem die Rolle von SP-Nationalrat David Roth. Seine Sichtweisen erhielten erheblichen Raum. Vertreter anderer politischer Auffassungen oder tourismusfreundlicher Perspektiven kämen demgegenüber kaum substanziell vor. Dadurch entstehe der Eindruck einer politischen Gewichtung beziehungsweise indirekten politischen Werbung zugunsten einer bestimmten Partei und Haltung. Zwar würden Tourismusdirektor Marcel Perren und Finanzdirektorin Franziska Bitzi zu Wort kommen, stünden nach Ansicht der Beanstander aber in keinem relevanten Verhältnis zu Roths Ausführungen.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft das Parkhaus Musegg. Dieses Projekt hätte nach Ansicht eines Beanstanders zur Entlastung des Schwanenplatzes und zu einer besseren Verteilung der Besucherströme beitragen können. Dass es im Film nicht erwähnt werde, sei problematisch.
Insgesamt werfen die Beanstander SRF vor, relevante Gegenargumente und Lösungsansätze wegzulassen. Dadurch entstehe ein einseitiges Bild zulasten des Tourismus sowie anderer politischer Auffassungen.
Was sagt die Redaktion?
Die Redaktion hält fest, dass Luzern eine von mehreren Stationen des Films sei. Der Luzern-Teil mache rund einen Viertel der Gesamtdauer von 50 Minuten aus.
Zur Lage in Luzern verweist die Redaktion auf zwei repräsentative Befragungen, welche die Hochschule Luzern 2020 und 2024 im Auftrag der Stadt durchgeführt habe. Diese zeigten, dass für eine Mehrheit der Bevölkerung das «akzeptable Ausmass» an Touristinnen und Touristen überschritten und eine weitere Zunahme unerwünscht sei. Kritisch beurteilt worden seien zudem der mit dem Tourismus verbundene Verkehr sowie das Thema Wohnen. Auf diese beiden Themen fokussiere sich der Luzern-Teil.
Nationalrat David Roth komme zu Verkehr und Wohnen zu Wort. Er sei als Stadtbewohner, langjährig mit Tourismusfragen befasster Politiker, Mitglied der eidgenössischen Verkehrskommission und Mitinitiant der Airbnb-Initiative dazu legitimiert. Der Film zeige zudem Lösungsansätze zur Verkehrsentlastung, darunter Metro, Stadtpassage und die aktuelle CityLink-Initiative. Weitere frühere Projekte wie das Parkhaus Musegg vorzustellen, hätte aus Sicht der Redaktion den Rahmen des Films gesprengt.
Zur Ausgewogenheit verweist die Redaktion auf weitere Stimmen im Film. Neben David Roth kämen auch Tourismusdirektor Marcel Perren und Finanzdirektorin Franziska Bitzi zu Wort. Perren spreche über digitale Massnahmen zur Lenkung der Besucherströme. Bitzi äussere ihre Sorge über den Verlust von Arbeitsplätzen in den Uhren- und Schmuckgeschäften der Stadt. Zudem berichteten ein Gewerbetreibender und der Betriebsleiter der Seebadi von den Auswirkungen des Tourismus in Luzern.
Die Redaktion betont, Ausgewogenheit lasse sich nicht in Minuten und Sekunden messen, sondern in inhaltlichen Botschaften. SRF berichte oft über Tourismus, häufig auch über dessen wirtschaftliche Bedeutung für die Schweiz. Auch im SRF-DOK «Überrannt – Overtourism in der Schweiz» werde nicht bestritten, dass Luzern und die anderen gezeigten Destinationen vom Tourismus profitieren. Der Film benenne jedoch bewusst auch die Schattenseiten.
Was sagt die Ombudsstelle?
Die Ombudsstelle betont, bereits der Titel «Überrannt» signalisiere den gewählten Blickwinkel: die Belastungen, die der Rekordtourismus für die Wohnbevölkerung mit sich bringt. Diese Anlage sei transparent und zulässig. Durch den gewählten Fokus des Films sei es naheliegend und legitim, dass die negativen Seiten des Tourismus stärker betont würden. Das Sachgerechtigkeitsgebot verlange keine ebenbürtige Gegenüberstellung aller Argumente. Das Publikum erfahre, dass es unterschiedliche Sichtweisen gebe, und könne sich eine eigene Meinung bilden.
Inhaltlich stütze sich die Luzern-Sequenz auf eine belegbare Faktenbasis. Die repräsentative Befragung der Hochschule Luzern zeige, dass eine Mehrheit der Stadtbevölkerung das akzeptable Mass an Tourismus als überschritten betrachte. Die Aussage, Luzern stehe unter erheblichem touristischem Druck, sei deshalb keine blosse Parteimeinung von Nationalrat Roth. Dass dieser ausführlich zu Wort kommt, beurteilt die Ombudsstelle als gerechtfertigt. Er wohne in der Stadt, befasse sich seit Langem mit Tourismusfragen, sei Mitglied der eidgenössischen Verkehrskommission und Mitinitiant der Airbnb-Initiative, deren Wirkung der DOK thematisiere. Seine Aussagen blieben zudem nicht unwidersprochen.
Auch werde die Gegenseite im Film nicht ausgeblendet. Mit Marcel Perren komme der wichtigste institutionelle Vertreter der Tourismusbranche zu Wort. Mit Franziska Bitzi trete zudem eine Exekutivpolitikerin der Mitte auf, die ausdrücklich vor dem Verlust von Arbeitsplätzen warne. Auch der wirtschaftliche Nutzen des Tourismus werde nicht bestritten. Nach Ansicht der Ombudsstelle werden damit keine relevanten Gegenargumente und Lösungsansätze weggelassen.
Auch dass das Projekt Parkhaus Musegg nicht erwähnt worden ist, verletzt nach Ansicht der Ombudsstelle das Sachgerechtigkeitsgebot nicht. Das Projekt sei ein seit Jahren lokal umstrittenes Einzelprojekt, dessen Realisierung gescheitert beziehungsweise blockiert sei. Der Film zeige mit Metro, Stadtpassage und CityLink durchaus, dass in Luzern seit Langem über verkehrliche Entlastungslösungen gerungen werde und solche Projekte politisch umstritten seien. Damit sei das für die Meinungsbildung relevante Argument, nämlich die Suche nach Lösungen, im Film enthalten. Die Auswahl der konkreten Beispiele falle in die Programmautonomie der Redaktion.
Zusammenfassend kommt die Ombudsstelle zum Schluss, dass das Sachgerechtigkeitsgebot nicht verletzt wurde.