«Wer sich kennt, berichtet anders übereinander»

Romana Costa bewegt sich seit Jahren zwischen den Sprachregionen – zuerst bei SRF, heute bei RTR als interregionale Koordinatorin. Im Gespräch mit der SRG.D erklärt sie, warum das Verständnis zwischen den Regionen oft schon mit der Sprache beginnt, weshalb die sprachliche und kulturelle Realität der Rumantschia in der Schweiz oft zu wenig bekannt ist und was passiert, wenn Redaktionen über Sprachgrenzen hinweg tatsächlich zusammenarbeiten.

Über die Reihe «Schweizer Blickwinkel: Korrespondent:innen zwischen den Regionen»

Wie wirkt die Deutschschweiz auf Journalist:innen aus der Romandie oder dem Tessin, die hier als Korrespondent:innen arbeiten? Und wie verändert sich der Blick auf die Westschweiz und das Tessin, wenn Deutschschweizer Journalist:innen von dort aus berichten? In unserer neuen Serie sprechen wir mit Korrespondent:innen von SRF, RSI, RTS und RTR über politische Tonlagen, mediale Reflexe, regionale Empfindlichkeiten und hartnäckige Missverständnisse zwischen den Sprachregionen.

Sie haben lange in der Deutschschweiz gearbeitet und sind heute bei RTR in einer Rolle, die stark zwischen den Sprachregionen vermittelt. Was hat Sie an dieser Perspektive am meisten überrascht, als Sie begonnen haben, interregional zu arbeiten?

Romana Costa: Ganz neu war dieser Blick für mich nicht, da ich schon früher immer wieder Brücken zwischen Regionen schlagen musste – etwa, als ich aus Graubünden für nationale SRF-Gefässe berichtet habe. Dennoch hat mich im Laufe der Jahre immer wieder überrascht, wie gross die Hemmschwelle vieler Menschen gegenüber den anderen Landessprachen ist.

Viele trauen sich zunächst zu wenig zu. Wenn sie dann aber den Schritt wagen und sich auf eine andere Sprache einlassen, machen sie nahezu immer positive Erfahrungen. Genau das ist für mich zentral: Sobald man sich auf Augenhöhe begegnet und einander wirklich kennenlernt, wächst auch das Verständnis füreinander und man berichtet anders übereinander. Das gilt nicht nur innerhalb der Redaktionen, sondern vielleicht auch für das Publikum.

Welche politischen oder gesellschaftlichen Themen werden in der rätoromanischen Schweiz anders diskutiert als in der Deutschschweiz?

In der rätoromanischen Schweiz ist man besonders sensibilisiert für Themen rund um Sprache, kulturelle Identität und Minderheitenstatus. Hinzu kommen Anliegen, die in Bergregionen besonders drängend sind: der Druck des Tourismus, die Frage nach dem «Ausverkauf der Heimat», Zweitwohnungen oder die Sorge, dass ganze Dörfer ausserhalb der Saison leerstehen. Einige dieser Themen sind auch in den Städten bekannt, doch in Teilen der Rumantschia und insbesondere in touristisch stark geprägten Regionen erhalten sie eine andere Dringlichkeit.

Wie unterscheidet sich der öffentliche Ton zwischen den Sprachregionen?

Die rätoromanische Welt ist klein, man kennt sich. Das prägt auch den Tonfall. Viele Menschen engagieren sich stark für Sprache und Kultur. Dadurch entstehen zwar Auseinandersetzungen, doch häufig mit einem starken Bewusstsein dafür, dass man sich morgen wieder begegnen wird. Gleichzeitig beobachte ich bei Rätoromaninnen und Rätoromanen eine grosse Flexibilität. Wer in einer Minderheit lebt, ist es gewohnt, sich anzupassen, zwischen Sprachen und Welten zu wechseln und mit unterschiedlichen Realitäten umzugehen.

«In einer kleinen Sprachgemeinschaft muss ein Thema nicht nur aktuell sein, sondern auch wirklich zur rätoromanischen Lebenswelt passen»

Merken Sie auch Unterschiede in der medialen Berichterstattung?

RTR ist stark lokal verankert. Deshalb spielt der Lokaljournalismus eine zentrale Rolle. Besonders gross ist das Interesse an Themen, die die Menschen in den Bergregionen unmittelbar betreffen, etwa Naturgefahren, Lawinen, Jagd, Tourismus oder die Auswirkungen des Klimawandels auf die Wintersaison. Die eigene Betroffenheit ist hier oft sehr direkt. Gleichzeitig stellt die Themenwahl eine Herausforderung dar: In einer kleinen Sprachgemeinschaft muss ein Thema nicht nur aktuell sein, sondern auch wirklich zur rätoromanischen Lebenswelt passen. Das ist eine andere Ausgangslage als in einer grossen deutschsprachigen Redaktion.

Welche Klischees über die Sprachregionen begegnen Ihnen immer wieder und was ist tatsächlich dran?

Klischees sind oft ein guter Einstieg, um über Unterschiede nachzudenken, bleiben jedoch fast immer zu schwarz-weiss. Über die Rätoromaninnen und Rätoromanen hört man beispielsweise, sie würden «hinter den Bergen» leben und wenig von der Welt mitbekommen. Das greift natürlich zu kurz. Was ich eher bestätigen würde, ist ihre grosse Anpassungsfähigkeit. Wer mit mehreren Sprachen und kulturellen Einflüssen aufwächst, entwickelt fast automatisch eine gewisse Beweglichkeit.

Umgekehrt existiert über die Deutschschweiz das Bild von schwerfälligen, stark formalisierten Strukturen. Nach meiner Erfahrung ist darin zumindest insoweit etwas dran, als bei grossen Organisationen wie SRF vieles über mehrere Ebenen und Gremien läuft, während man bei RTR mit weniger Personen oft schneller und pragmatischer handeln muss.

«Echte Verständigung und Zusammenarbeit entsteht erst, wenn man Inhalte auch tatsächlich miteinander denkt»

Sie haben Projekte initiiert, die den Austausch zwischen den Regionen fördern. Was passiert konkret, wenn diese verschiedenen Perspektiven aufeinandertreffen?

Sobald sich Menschen persönlich kennenlernen, sinkt die Hemmschwelle erheblich. Dann greift man viel schneller zum Telefon, tauscht Geschichten aus oder arbeitet gemeinsam an einem Thema. Genau dafür sind solche Projekte gedacht. Bei «Die Anderen. Les Autres. Gli Altri. Ils Auters: Le tour de Suisse» versuchen wir, Inhalte gemeinsam zu entwickeln. Wir suchen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner, die mehrsprachig sind, bereiten Themen so auf, dass mehrere Redaktionen sie nutzen können, und vermeiden dadurch Doppelarbeit in der Recherche. Schwieriger wird es, wenn man zwar gemeinsam vor Ort ist, aber jede Einheit letztlich doch wieder für sich allein arbeitet. Echte Verständigung und Zusammenarbeit entsteht erst, wenn man Inhalte auch tatsächlich miteinander denkt.

Was versteht die Deutschschweiz zu wenig über die Rätoromaninnen und Rätoromanen?

Viele unterschätzen, wie komplex die sprachliche Realität in der Rumantschia tatsächlich ist. Es gibt fünf Idiome. Dabei handelt es sich nicht einfach um Dialekte, wie man es vom Schweizerdeutschen kennt, sondern um eigenständige Schriftsprachen. Auch ist vielen in der Deutschschweiz nicht bewusst, dass Rumantsch Grischun eine künstlich geschaffene Standardsprache ist, die zwar geschrieben, aber kaum im Alltag gesprochen wird. Grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass man in der Schweiz oft zu wenig über die inneren Unterschiede der anderen Sprachregionen weiss. Dieses Wissen wäre jedoch wichtig, um präziser übereinander zu berichten.

Die SRG geht mit einem neuen interregionalen Radioprojekt auf Schweizreise

Mit «Die Anderen. Les Autres. Gli Altri. Ils Auters – Le tour de Suisse» lanciert die SRG eine thematische Radio-Reise durch die Schweiz. An vier Sondertagen werden alle SRG-Sprachregionen gemeinsam das Jahresthema «Übergänge» aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Dabei nimmt jede Sprachregion einmal die Rolle der Gastgeberin ein.

Mehr zum interregionalen Radioprojekt

Text: Nicole Krättli

Bild: SRF/Charles Benoit/iStock/Guven Ozdemir

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