Einsamer Verlierer: Christoph Wasser spricht mit dem abgewählten BDP-Nationalrat Bernhard Guhl im inzwischen fast leeren Wahlzentrum.

Wahltag

Online-Updates im Minutentakt, Radiosendungen im Halbstundentakt: Ein Wahltag fordert die kleine Regionalredaktion von SRF ziemlich. Der vergangene Wahltag vom 20. Oktober geht als einer der spannendsten in die Geschichte ein. Ein ehrlicher Blick hinter die Kulissen der journalistischen Arbeit.
Es gibt liebgewonnene Traditionen an Abstimmungs- und Wahltagen: Dazu gehört das Feierabend-Bier mit dem ganzen Team am Abend, dazu gehört aber auch das Brunch-Buffet im Studio. Der Redaktionsleiter kauft am Morgen Butterzopf, Käse und Fleisch und legt die Esswaren zur schnellen Verpflegung in den wenigen kurzen Pausen im Redaktionsbüro bereit. Das war auch an diesem 20. Oktober so. Sonst allerdings geht der eidgenössische Wahltag 2019 wohl als einer der besonderen Sorte in die Geschichte der SRF-Regionalredaktion ein.

Brunch-Buffet im Regionalstudio

Die Ruhe vor dem Sturm
Aber erzählen wir der Reihe nach: In der Woche vor dem grossen Showdown hatte sich die Redaktion (zusammen mit den für unsere Kantone zuständigen Inland-Korrespondent/innen des Fernsehens) noch zu zwei grossen Sitzungen getroffen: Da wurden mögliche politische Szenarien erörtert, Prognosen getroffen, Sprachregelungen vereinbart. Was ist eine Überraschung, was kann man erwarten? Die Meinung war klar und einhellig: Es wird in unseren Kantonen nicht zu den massiven Verschiebungen kommen, die Demoskopen voraussagen.
Am Wahltag selbst dann ein ruhiger Start. Man trifft sich am Morgen noch einmal zu letzten Absprachen. Da wird vereinbart, wie die Audiofiles angeschrieben werden müssen, damit alle sie finden. Da wird abgemacht, wie die Video-Interviews der Fernseh-Kollegen in unser Online-Angebot finden. Da werden noch einmal wichtige Sprachregelungen wiederholt (zum Beispiel «wir sprechen nicht von Linksrutsch, falls Grüne und Grünliberale zulegen sollten, weil grün nicht automatisch gleich links ist»). Anschliessend begeben sich die Aussen-Reporter/innen ins Wahlzentrum in Aarau (die Solothurner Kollegen sind natürlich schon in Solothurn und nehmen nicht an der Sitzung in Aarau teil).
Ab 11 Uhr tröpfeln erste Aargauer Gemeinderesultate per Email ins Büro. Die Nervosität steigt spürbar im Studio. Bei den Ständeratswahlen und den Regierungswahlen im Aargau zeichnen sich bereits erste Trends ab. Keine Überraschungen, Burkart beim Ständerat und Gallati beim Regierungsrat in der Pole-Position. Um 12 Uhr die erste Einschaltung mit Trends und Zwischenresultaten aus den Wahlzentren in Aarau und Solothurn, keine technischen Probleme, Zufriedenheit.
Ein kleines politisches Erdbeben
Kurz vor 13 Uhr kommt die erste Hochrechnung für die Nationalratswahlen im Aargau. In einem internen Ticker-System der SRG ploppt die Meldung auf: Sitzgewinn für die CVP und die SP, die EVP löst die BDP ab, SVP und FDP verlieren. Die Grünen verdoppeln quasi ihre Wähleranteile, die GLP ebenfalls beinahe, die SVP verliert heftig Wähler. Das hat in der Redaktion so niemand erwartet, ganz ehrlich. Sofort gibt es Diskussionen im Online-Chat zwischen dem Redaktionsleiter im Studio und den Reporter/innen im Wahlzentrum. Glauben wir das? Wie vorsichtig müssen wir formulieren? Es ist ja nur eine Hochrechnung, kein Resultat.
Wir entscheiden uns für vorsichtige Formulierungen, erwähnen auch den Fehlerbereich einer solchen Hochrechnung. 3 Prozent plus oder minus beim Wähleranteil, entspricht einem Sitz plus oder minus. Heisst theoretisch, dass die Hochrechnung auch komplett falsch sein könnte. Ist sie aber nicht, wie wir im Laufe der nächsten zwei Stunden immer klarer merken, im Gegenteil: Die Hochrechnung war ausserordentlich präzise, bis auf wenige Stellen nach dem Komma sogar. Genau so wie um 13:07 Uhr prognostiziert endet der Wahltag im Aargau.

Live am Fernsehen: Auch Inland-Korrespondentin Natascha Schwyn berichtete über den spannenden Wahltag im Aargau.

Analyse im Minutentakt
Für die Reporter/innen im Wahlzentrum, aber auch für den Regionalkorrespondenten im Studio Aarau, sind das hektische Minuten und Stunden. Denn kaum kommt ein Zwischenresultat oder eine Hochrechnung, ist von allen Seiten eine rasche Analyse dieser Trends und Resultate gefragt. Wenige Minuten nach der Hochrechnung ist Alex Moser bereits in der ganzen Schweiz am Radio zu hören, wie er die überraschenden Resultate aus dem Aargau einordnet. Wenige Minuten später ist eine Kurzanalyse unserer Online-Redaktorin in schriftlicher Form im Newsticker von srf.ch publiziert.
Denn unser Ziel ist klar: Wir wollen nicht einfach Resultate «vorlesen», sondern wir wollen über die Resultate sprechen. Die Wahlergebnisse, sogar Zwischenergebnisse, sind heute auf unzähligen (Online-)Kanälen für alle sofort verfügbar. Auch auf der Website srf.ch werden sie automatisch in Grafiken gespiesen. Als Journalistin und Journalist besteht die Aufgabe darin, diese Resultate möglichst schnell und kompetent zu erklären.
Sofort muss man merken, dass es vor allem die Stimmen der Grünliberalen sind, die der CVP zu einem zweiten Sitz verholfen haben – denn die beiden Parteien haben eine Listenverbindung. Schnell muss man erkennen, dass die Grünen damit der SP zu einem zweiten Sitz verholfen haben. Rasch ist aber auch die Erklärung zur Hand, dass die CVP mit einem sehr aufwändigen Wahlkampf und vielen Unterlisten stärker mobilisieren konnte als in anderen Jahren. Und dass die SVP wegen innerkantonaler Probleme eben an Strahlkraft eingebüsst hat. Jetzt zahlt sich die Vorbereitung aus: Wir haben Szenarien gedacht, wir haben mögliche Wahlausgänge und deren Erklärungen diskutiert und in verschiedenen Papieren festgehalten. Wir wurden vom Resultat zwar alle überrascht, konnten es aber trotzdem sehr schnell (und ich glaube auch einleuchtend) erklären.
Zehn Stunden Vollgas
Ein Wahltag ist für Journalistinnen und Journalisten generell eine Art Marathon: Ständig klickt man sich durch kantonale Websites, soziale Medien, interne Programme auf der Suche nach Resultaten und Reaktionen, dazwischen Absprachen per Chat-Tool oder Telefon zwischen Aussenstellen und Zentrale, Radiosendungen im Halbstundentakt, meistens werden die Moderationen erst Sekunden vor der Sendung fertig oder es bleibt bei Stichworten, die dann «freihändig» vorgetragen werden müssen. Dazwischen verlangen die Online-Redaktor/innen nach Bildern für die Website, es müssen inhaltliche Fragen geklärt werden, die Reporter/innen müssen wissen, wen sie als nächstes vor ein Mikrofon zerren sollen.
Unsere Regionalredaktion kann sich immerhin glücklich schätzen, dass die Kantone Aargau und Solothurn jeweils ziemlich schnell sind mit dem Auszählen der Stimmen. Nach einigen Stunden sind Spuk und Hektik wieder vorbei, nach der letzten Radiosendung um 20 Uhr konnten die Teams in Aarau und Solothurn ins traditionelle und verdiente Feierabendbier.
In diesem Zusammenhang zurück zum Anfang: Das Buffet im Studio Aarau war um 20 Uhr noch ziemlich reich bestückt, nur zwei von drei Butterzöpfen gegessen, Käse und Fleisch blieben für Montag übrig. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass es an solchen Super-Wahltagen halt einfach wirklich kaum Zeit gibt für Pausen. An solchen Tagen wird 10 Stunden am Stück – mehr oder weniger pausenlos – gearbeitet. Deshalb an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an mein Team, welches aus meiner Sicht grossartige Arbeit geleistet hat am 20. Oktober 2019. Wir freuen uns auf die zweiten Wahlgänge...

Updates im Minutentakt: Mario Gutknecht (hinten) und Stefan Ulrich (vorne) studieren Zwischenresultate im Wahlzentrum in Aarau.